Wenn Lehrer nachmittags private Nachhilfestunden geben, stimmt in der Schule etwas nicht.

Sibylle Hamann

Es liegt Schnee, der Stress mit dem Semesterzeugnis ist vorbei. Die Wiener Kinder rutschen die Schipisten hinunter. Vielleicht der richtige Zeitpunkt, um über ein Phänomen nachzudenken, das die Inkarnation aller Übel unseres Schulsystems ist: die Nachhilfe.

Klar gibt es überall auf der Welt Eltern, die mit Geld nachhelfen, wenn die Schulen oder die Lehrenden oder die eigenen Kinder ihren Ansprüchen nicht genügen. Überall gibt es Institute, die Kinder für Prüfungen fit machen. Und es ist nachvollziehbar, dass die Mathematikstudentin dem Nachbarskind beim Lernen für die Mathe-Schularbeit hilft.

Die „normalste“ Art der hiesigen Nachhilfe hingegen sollte uns zu denken geben: Dass Lehrer und Lehrerinnen vormittags (vom Staat bezahlt) in der Klasse stehen, um später am Nachmittag (von den Eltern bezahlt) auszubessern, was am Vormittag schiefgegangen ist. Das ist ganz und gar nicht normal. Bei näherer Betrachtung ist es sogar pervers.

Die Seltsamkeit fällt auf, wenn man die Sitte auf andere Berufe umlegt. Etwa so: Am Vormittag kommt der Installateur, er hat für die Heizungsmontage einige Rohrteile vergessen. Aber er kann einen Kollegen empfehlen, der die fehlenden Teile am Nachmittag vorbeibringen könnte, gegen Extra-Bezahlung selbstverständlich. Oder so: Die Ärztin verschreibt ein Medikament auf Krankenschein. Aber um dazu den Beipackzettel zu bekommen, möge die Patientin doch bitte später die Privatordination aufsuchen und hundert Euro überweisen.

Man muss nicht so weit gehen, um hier eine große Verschwörung zu wittern. Man muss auch nicht unterstellen, die Lehrer brächten den Schülern absichtlich zu wenig bei, um nachher abcashen zu können. Aber man kann sagen: Etliche Lehrer leben von den Mängeln in unserem Schulsystem ganz gut. Man kann sagen: Die Existenz schlechter Lehrer bildet eine Geschäftsgrundlage für die besseren. Und man kann vermuten: Die Ganztagsschule wird wohl auch deswegen so vehement bekämpft, weil sie all die Energie, die Zeit und die Fürsorge, die Lehrer derzeit für Nachhilfeschüler reservieren, in der Regelschule binden würde.

Um Geld geht es selbstverständlich auch. 22 Euro kostet eine Stunde Nachhilfe. Selten, dass Kinder dafür Rechnungen nach Hause bringen. Wie viele Lehrer melden ihre Einkünfte aus selbstständiger Tätigkeit eigentlich dem Finanzamt? Die 730 Euro im Jahr, ab denen sie einkommenssteuerpflichtig wären, wird die eine oder der andere wohl erreichen. So etwas fragt man nicht, ich weiß. Aber am Bau und im Gastgewerbe fragt man ja auch. Dort heißt das Schwarzarbeit und wird mit Strafen sanktioniert.

Lehrer haben, wie der verehrte Kollege Taschner hier vor ein paar Tagen anmerkte, besondere Verpflichtungen, die aus ihrer Position erwachsen. Sie müssen Vorbild sein. Bei der ungenierten Selbstverständlichkeit, mit der sie ihren Schülern nachmittags das Pfuschen vorleben, sind sie es nicht.

 

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.