Reden wir über Johanna Dohnal. Und darüber, was das eigentlich bedeuten könnte: Politik machen.

Ein Kommentar.

Man schaut sich also die alten Bilder an. Die wirken so fremd. Das wird an der Mode liegen, denkt man. Die kühn toupierten Haare auf den ersten offiziellen Fotos. Die praktische Fönwelle, als sie zur Staatsekretärin aufstieg. Die brave Strickjacke, als sie Ministerin wurde. Verdammt lang her ist das alles, verdammt weit weg. So jemanden könnte man sich gar nicht mehr vorstellen in der großen Koalition des Jahres 2010.

Man schaut sich die Bilder länger an. Die trotzigen Mundwinkel. Den Blick, der sagt: Ist mir doch wurscht, ob ihr mich mögt. Und dann merkt man plötzlich: Nein, die Fremdheit ist gar keine Modefrage. An der Fönwelle liegt es nicht. Es ist die Art, wie Johanna Dohnal Politik gemacht hat, die man sich gar nicht mehr vorstellen kann, in der großen Koalition des Jahres 2010.

Man könnte den Unterschied zwischen damals und heute, kurz zusammengefasst, so beschreiben: Johanna Dohnal hatte eine Idee. Sie hatte eine präzise Idee davon, wie eine bessere, gerechtere Gesellschaft ausschauen könnte. Die unterschied sich ziemlich diametral von der Gegenwart, die sie damals umgab. Deswegen packte sie ihr Werkzeug aus, rührte Mörtel an, rief allen laut und deutlich zu, dass man gemeinsam demnächst umziehen werde, und begann zu bauen.

Das war mühsam, denn mit ein bisserl renovieren und behübschen war es nicht getan. An manchen Stellen der Gesellschaft musste man erst einmal die morschen Fundamente herausreißen und den Untergrund neu befestigen. Zum Beispiel: ein Familienrecht abschaffen, das den Mann als Familienoberhaupt definierte, dem Frauen und Kinder zu gehorchen hatten. Oder: Jedem Menschen ökonomische Eigenständigkeit ermöglichen, eigene Arbeit, eigenes Geld, eigene Versicherung. Oder: Über Gewalt in der Familie reden.

All das erzeugte Lärm, Staub, Schutt und Unruhe. Es war umso schwieriger, als sich viele Menschen, gerade die mächtigsten, im alten Haus auf Dauer sehr gemütlich eingerichtet hatten. Und obwohl diese es eigentlich missbilligten, dass sich Frauen körperliche Arbeit antun – helfen wollten sie dieser Frau nicht. Im Gegenteil. Oft und gern stellten sie sich gemeinsam an den Rand der Baugrube, die Hände in den Hosentaschen, schauten ihr beim Schuften und Schwitzen zu, und lachten schallend.

Wurscht, dachte sich Johanna Dohnal. Das neue Haus wird besser sein als das alte, das werden die alle noch merken, wenn es erst einmal steht, aber irgendwer muss es halt bauen.

Können wir uns eine ähnliche Kühnheit an irgendeinem gegenwärtigen Regierungsmitglied vorstellen? Hat irgendjemand, zum Beispiel nur, einen Anhaltspunkt dafür, was Werner Faymann in Österreich verändern würde, wenn er könnte? Eigentlich kann er ja, immerhin ist er Regierungschef. Aber falls er ein, zwei Ideen dazu hat, wird er sich hüten, sie preiszugeben. Weil er sich fürchtet, dann auch handeln zu müssen. Und genau diese Angst ist das Problem.

Wenn wir uns die gegenwärtige Regierung auf dem Bauplatz Österreich vorstellen, dann sehen wir: Politiker und Politikerinnen, die sich lächelnd bemühen, geschäftig zu wirken, ohne dass sie einem sagen können, was sie eigentlich wollen. Man kann bei ihnen auf Zuruf ein Türmchen oder einen Erker oder eine neue Wandfarbe bestellen, wenn es dafür Mehrheiten in Umfragen gibt. Aber einen Grundriss zeichnen? Ein Budget erstellen? Da müsste man sich entscheiden. Für etwas, und gegen etwas anderes. Das könnte irgendjemandem nicht gefallen. Das kostet womöglich 15 Ränge im Beliebtheits-Ranking. Also lieber nicht. Lieber allen winken, die vorbeigehen, und ansonsten so tun, als sei man eh nicht zuständig.

„Die Österreicher innen“, eine vergleichende Langzeitstudie, kam im vergangenen Jahr zu einem beunruhigenden Ergebnis: Nur die Hälfte der Bevölkerung ist demnach zufrieden, wie Demokratie in Österreich funktioniert. Beinahe die Hälfte kann mit Politik nichts anfangen, ein Fünftel wünscht sich „einen starken Führer“ herbei. Diesen Befund kann man, wie es meistens geschah, wörtlich verstehen – als Sehnsucht nach einem autoritären Staat, nach Faschismus und Abschaffung der Demokratie.

Man kann den „Führer“ jedoch auch auf englisch übersetzen – dann kommt „leadership“ heraus. Und eine viel produktivere Sehnsucht. Nach einer Politik, die endlich sagt, was sie eigentlich will. Nach Politikern, die genug Phantasie haben, um über das, was ist, hinauszudenken, statt nach jeder Wortmeldung bloß den Applaus zu messen. Nach Politikerinnen mit Leidenschaft für eine unerhörte Idee – und dem Mut und der Ausdauer, sie auch zu verwirklichen.

Johanna Dohnal hat gezeigt, wie das geht. Und sie hat gezeigt, dass man dafür nicht nur geachtet – sondern am Endde sogar von Mehrheiten gewählt werden kann.

Das Haus, das sie damals gebaut hat, hat sich jedenfalls bewährt. Es hat eine gerechtere Raumaufteilung als das alte. Es ist weniger muffig, und bietet neue, bessere Ausblicke in viele Richtungen. Wesentlich stabiler ist es auch. Es ist uns so vertraut geworden, dass wir uns kaum noch vorstellen können, wie wir es so lange in dem alten aushalten konnten. Wir wohnen immer noch gern drin.

Ein paar größere Renovierungen wären mittlerweile halt wieder fällig, eventuell auch Zubauten, womöglich sogar gewagtere. Aber das gäbe wieder Lärm, Staub, Schutt und Unruhe, da müsste sich wer drübertrauen. Da ist niemand. Schade.

 

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