In der Stadt wird gewischt, geputzt, gekümmert wie noch nie. Wollen die was von mir?

Sibylle Hamann

Kaum hat man seine Zeitung auf dem U-Bahn-Nebensitz abgelegt, um sich die Handschuhe auszuziehen, ist sie auch schon wieder weg – entsorgt von einer freundlich lächelnden Wiener-Linien-Wohlfühlbeauftragten. Die wischt, weil sie grad dabei ist, auch noch schnell über die Glasscheibe und entfernt Fingerabdrücke von den Haltestangen. Nein, wirklich schmutzig ist die U-Bahn nicht. Und wenn doch, hätte man das Wischen selbstverständlich genauso gut in den Stehzeiten erledigen können, in der Endstation oder in der Remise. Aber dann würde niemand zuschauen. Und das wäre nur die halbe Sache.

Am Bahnsteig stehen sie ebenfalls. Menschen in neonbunten Gilets, die ausschauen, als wären sie in offiziellem Auftrag unterwegs und für irgendwas zuständig. Wofür eigentlich? Fürs Stoppen der Zugabfolgen? Fürs Messen der Bahnsteigtemperatur? Oder fürs Messen der Kundenstimmung? Ihre Körpersprache verrät, dass sie in Seminaren gelernt haben, wie man Kommunikationsbereitschaft signalisiert. Wahrscheinlich könnte man von ihnen Routenvorschläge bekommen, wenn man sich verirrt. Oder Streifenkartenberatung. (Das Dauermysterium, warum die Fahrkartenautomaten seit Jahr und Tag normale Fahrscheine unter der irreführenden Überschrift „Außerhalb Wiens“ anbieten, können sie allerdings nicht lösen).

Abschütteln lassen sich die Wiener Kümmerer kaum, auch oberirdisch nicht. Sie schlendern durch öffentliche Parkanlagen und suchen das Gespräch mit Hundebesitzern. Sie streifen abends durch die Höfe der Gemeindebauten, auf der Suche nach Konflikten, die sie durch sanfte Mediation lösen könnten. Sind das eigentlich lauter verschiedene Einheiten unter jeweils eigenem Kommando? Oder immer dieselben Leute, die alle paar Stunden in vesteckten Rathausfluchten die Uniformen wechseln? Sie plaudern jedenfalls, mahnen und lächeln, fotografieren Sperrmüll, dokumentieren herrenlose Einkaufswagerln und verteilen Gackerl-Sackerln. Grad, dass sie einem nicht den Einkauf nachtragen.

Die Frage, was die Wohlfühlbeauftragten täten, wenn vor ihren Augen etwas richtig Schlimmes geschähe, ist wohl eher hypothetisch. Es wird so ähnlich sein wie beim Assistenzeinsatz des Bundesheeres an der Grenze: Es soll einfach wer da sein, auch wenn man nicht genau weiß, wozu. Wir sollen uns nicht allein fühlen. Wir sollen spüren und sehen, dass die Obrigkeit sich sorgt um uns.

Es wäre ein bisserl absurd, sich drüber zu beschweren, dass in Wien die U-Bahnen gewissenhaft gereinigt werden. Dass Hundstrümmerln entfernt und Konflikte geschlichtet werden, oder dass Magistratsbeamte neuerdings das Freundlich-Sein trainieren.

Es wäre ähnlich absurd, sich drüber zu beschweren, wenn man jeden Tag Blumen geschickt kriegt. Doch hier wie dort gilt: Es kann auch zu viel werden. Es kann auch nerven. Weil klar ist: Da will wer was von mir. Und die Rechnung schickt er mir dann auch.

 

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