Wie könnte Österreich ausschauen, wenn es das Beste aus seiner Bevölkerung herausholt? Eine Frau will es wissen.

Eine Begegnung mit Beatrice Achaleke

Man kommt aufs Bezirksamt, und dort sitzt eine Frau im Rollstuhl. Nein, nicht im Wartezimmer vor der Sozialhilfestelle, sondern auf der Beamten-Seite des Serviceschalters. Wieder auf der Straße, entkommt man knapp einem Park-Sheriff, der den Vornamen Ali trägt, und holt das Kind aus dem Kindergarten, wo zwei von drei Pädagogen Männer sind. Wenn man dann abends den Fernseher aufdreht, präsentiert eine Redakteurin schwarzer Hautfarbe die Nachrichten: Wir haben einen neuen Minister, der offen homosexuell ist. Anschließend versieht die TV-Kommissarin Dienst mit Kopftuch.

So oder auch ganz anders könnte es ausschauen in Österreich. Jedenfalls stellt sich Beatrice Achaleke das so vor.

Achaleke ist eine 40jährigeFrau, der sehr viel liegt an diesem Land. Sie spricht zärtlich und respektvoll von ihm, wie von einem Kind, auf das man besonders stolz ist. Obwohl – oder gerade weil – es eher eigenwillig ist. Es ist der Stolz einer Adoptivmutter. Denn sie hat sich dieses Land selbst ausgesucht.

Sie kam vor 15 Jahren zum Soziologie-Studium nach Wien, mit dem Ziel, später zurückzukehren nach Kamerun. Doch es wurde später, und Österreich ließ sie nicht los. Es tat sich so viel. Die Umbrüche in Osteuropa, die Balkankriege, die Zuwanderung. Das Institut AFRA, das sie gründete, und das Black European Women’s Council, dessen Präsidentin sie heute ist. Die zwei Kinder. Die beschauliche Wiener Peripherie, wo sie wohnt; die verrufene Gegend rund um den Westbahnhof, wo sie ihr Erdgeschoßbüro hat, sozial durchmischt alle beide.

Österreich war ein anderes Land geworden, Beatrice mitten drin, doch ein Mysterium ließ sie nicht los: Wie ist es bloß möglich, dass die Vielfalt, die so selbstverständlich den Alltag durchdringt, sich ganz und gar nicht im Selbstbild des Landes niederschlägt?

Wie ist es etwa möglich, dass so viele Kinder hier serbokroatisch sprechen – aber nur ganz wenige Lehrer und Lehrerinnen? Wie es es möglich, dass im Fernsehen Diskussionen stattfinden, in denen ausschließlich Männer zu Wort kommen? Warum sieht man keinem einzigen politischen Repräsentanten eine außereuropäische Herkunft an, und wie hat man es geschafft, Menschen mit körperlichen Behinderungen unsichtbar zu machen?

Österreich behauptet, auch im Jahr 2010, stur, störrisch, starrköpfig, ein „homogenes“ Land zu sein. Eines, in das man sich „integrieren“ könne, indem man sich „anpasst“. An wen eigentlich? An die Österreicherin Barbara Rosenkranz – oder an die Österreicherin Beatrice Achaleke?

Letztere stellt sich gerade vor, wie ein 16jähriges Mädchen aus Ostanatolien vor den Bildern dieser beiden Frauen sitzt, und darüber grübelt, wie sie das wohl anstellen solle mit der „Anpassung“. Achaleke bricht bei dieser Vorstellung in schallendes Lachen aus und schlägt sich vor Vergnügen auf die Schenkel.

Und in Momenten wie diesen versteht man, was diese Frau antreibt. Sie will diesem Land die Angst vor den Unterschieden nehmen. Die Angst vor Menschen wie ihr. Schaut euch in den Spiegel, scheint sie ihren Landsleuten zuzurufen, ihr werdet vor der Wahrheit kurz erschrecken, aber glaubt mir: Es ist alles halb so schlimm!

Was sind Sie eigentlich?

Eine Österreicherin aus Kamerun. Spätestens als ich meine Kinder bekam, war mir klar – ich bin für sie verantwortlich. Deswegen muss die Gesellschaft so ändern, dass sie darin gut leben können. Seither gehöre ich hierher. Ich lass mir nicht sagen, eine schwarze Frau gehört nach Afrika.

Werden Sie oft gefragt, wo Sie herkommen?

Ständig. Ich antworte: Aus Breitenfurt, und woher kommen Sie? Aber dann ist mein Gegenüber oft irritiert.

Warum?

Weil die Frage anders gemeint war. Da wollte mich jemand dran erinnern, wer hierhergehört und wer nicht. Und sagt: „Breitenfurt, okay, haha, aber woher kommst du WIRKLICH?“

Die Österreicher sind abstammungsfetischistisch?

Schon. Mich rufen Leute an, wenn sie Auskunft über Kamerun wollen. Aber ich hab keine Ahnung, was in Kamerun los ist! Oder sie fragen „Wie lang bleibst du hier?“, soll heißen: „Wann gehst du wieder weg?“ Man lobt meine Kinder dafür loben, dass sie so gut deutsch sprechen, obwohl sie hier geboren sind. Ich kann das nicht als Kompliment verstehen. Denn es setzt ja voraus, dass es zwischen schwarzer Haut und deutscher Sprache einen grundlegenden Widerspruch gibt.

Was fragt man Sie in Amerika?

„How are you“. Wenn ich sage, dass ich Österreicherin bin, muss ich sofort über Sound of Music reden.

Und in Kamerun?

„Die Wienerin ist wieder da.“

Um zu verstehen, was Beatrice Achaleke mit „Vielfalt“ meint, muss man nach Amerika schauen. Dort heißt die Sache „Diversity“ und ist so etwas wie die Staatsideologie. Das Konzept wurzelt in der Bürgerrechtsbewegung der Sechzigerjahre, und die Leitidee lautet: Die Verschiedenheit der Bürger ist kein Problem, sondern, im Gegenteil, eine Quelle von Stärke. Jede Erfahrung, die ein Mensch bei seiner Sozialisierung macht, ist eine Ressource, die man nützen kann.

Selbstverständlich war das als Kampfansage an die herrschende Elite gemeint – die damals fast ausschließlich aus mittelalten, weißen, heterosexuellen Männern bestand. Diese hatten es bis dahin geschafft, jede Abweichung von ihrer Norm als „Mangel“ zu definieren. Nein, wir sind keine Mängelwesen, konterten Frauen, Schwarze, Homosexuelle, Behinderte – wir sind bloß anders als ihr, und das ist gut so.

Bis heute wird in Europa darüber gehöhnt, dass etwa Behinderte in Amerika nicht „disabled“, sondern „physically challenged“ heißen. Damit verpasst man die wesentliche Erkenntnis: Dass Abweichungen von der „Normalität“ tatsächlich Herausforderungen bergen.

Sonia Sotomayor zum Beispiel wurde eben als als neue Höchstrichterin im Supreme Court angelobt. Sie ist Tochter puertoricanischer Einwanderer, wuchs in einer Sozialwohnung in der South Bronx auf, und ist von Kindheit an Diabetikerin. In Österreich würde man all diese Merkmale „Defizite“ nennen. Sie selbst sagt das anders: Ihre vielen Erfahrungen des Anders-Seins hätten sie zur besseren Juristin gemacht.

Ähnlich argumentieren teure Privatuniversitäten, wenn sie in verwahrlosten Gettoschulen Talente suchen. Das „vielfältige soziale Umfeld“ preisen sie nämlich dann als besonderes Qualitätsmerkmal, um reiche Kids zu ködern. Im Vergleich zum österreichischen Bildungsdiskurs, wo der „Ausländeranteil“ als Index des Schreckens definiert wird, mutet das beinahe absurd an.

Amerika ist mittlerweile von einem feinen Netz aus Quoten, Bevorzugungen und Stipendien umsponnen. Fernsehsender achten bei der Auswahl ihrer Sprecher auf eine möglichst breite Palette von Hautschattierungen; die Zusammensetzung jeder Polizeitruppe muss die Community widerspiegeln, in der sie patroulliert.

Gerechtfertigt wird das alles nicht mit Argument, Benachteiligten zu helfen – sondern mit dem Argument der Effizienz. Tatsächlich kann eine Polizeitruppe, die die kulturellen Codes ihrer Klientel versteht, besser arbeiten. Und Studien belegen: Je ausgeglichener das Geschlechterverhältnis in einem Unternehmensvorstand, desto besser sind dessen Entscheidungen – und desto höher der Gewinn.

Sind Sie es eigentlich leid, über Rassismus zu reden?

Ja. Die Erwartbarkeit geht mir auf die Nerven. Es ist so schrecklich eindimensional: Schwarze Frauen sind hilfsbedürftig und diskriminiert, deswegen soll ich als schwarze Frau für Armut und Rassismus zuständig sein.

Sie tun doch aber etwas für die schwarzen Frauen?

Nein. Wir sind alle so verschieden, das wäre eine Anmaßung. Ich setze mich für mich ein, vielleicht hilft das anderen.

Was fällt Ihnen zum Wort „Gutmenschen“ ein?

Mir scheint manchmal: Man glaubt zu wissen, was wir brauchen. Man tut etwas für uns, und erwartet, dass wir dafür dankbar sind. Das führt zu Missverständnissen. Denn hab ich das Recht zu sagen, mir passt das nicht, ich hätte das lieber anders?

Sie waren in der Politik. Bei den Grünen wären Sie fast Integrationssprecherin geworden…

Ich habe mich dagegen gewehrt. Ich wollte über Diversität reden, in einem größeren Zusammenhang. Aber die Idee hat keiner aufgegriffen. In der Politik denkt sich jemand eine Rolle für dich aus, und erwartet, dass du die ohne Widerspruch annimmst.

Sie haben auch viele Preise bekommen…

Klar freut mich das. Aber ich stelle Ehrungen gleichzeitig in Frage – insbesondere dann, wenn sie kein Geld, keine Ressourcen für die Arbeit bringen. Ich will alle meine Preise demnächst versteigern, mit viel Tamtam.

Sie provozieren offenbar gern.

Ich kann nicht anders. Wenn ich spüre, ich werde unterschätzt, habe ich den Drang, zu zeigen, dass ich mehr kann, als für mich vorgesehen ist. Das ist wie ein Kick. Ich hab auch überhaupt keine Angst, Fehler zu machen.

Waren Sie schon immer so furchtlos?

Nein, das hab ich erst in Österreich gelernt. Hier waren mir plötzlich Grenzen gesetzt, die ich verschieben musste. Man kann also sagen: Österreich hat erst das beste aus mir herausgeholt.

Wer Beatrice Achaleke zuschaut, beim Telefonieren, beim Organisieren, merkt: Diese Frau ist ungeduldig geworden. Es geht ihr alles ein bisschen zu langsam, in der Politik, wo man viele Abende in fruchtlosen Diskussionen verbringt – die meiste Zeit unentgeltlich. Deswegen hat sie das Feld gewechselt. Der Markt, hat sie erkannt, reagiert präziser, sensibler und ehrlicher – auf Migrationsströme, auf Verschiebungen im Geschlechterverhältnis, auf demographische Trends. Weil es dort ums Geld geht. Und weil dort untergeht, wer die Veränderungen verschläft.

In dieser Woche findet in Wien ein von Achaleke intiierter Kongress statt, der World Diversity Leadership Summit (siehe ). Sie kann die Freude, etwas Großes auf die Beine gestellt zu haben, nicht verbergen. Sie ist stolz, dass Finanzminister Josef Pröll den Ehrenschutz übernommen hat („auch ein Schwarzer“), und begreift das als Signal, dass ihre Botschaft langsam sickert. Die großen strategischen Business-Fragen kommen längst nicht mehr ohne das Wort „Diversity“ aus: Was wollen, was brauchen die immer unterschiedlicheren Kundengruppen? Wie spricht man sie an? Wie entdeckt man neue Märkte? Und wie baut man dort Vertrauen auf?

„Man kann keine Bank in Osteuropa aufsperren, ohne zu wissen, wie die Menschen dort ticken“, saggt Achaleke. Seminare, in denen Führungskräfte interkulturelle Kompetenz lernen, boomen. Sie wundert sich nicht darüber. Sie wundert sich bloß, wie lang es gedauert hat.

„Diversity Management“ bezieht sich nicht nur auf Kunden und Märkte, sondern auch auf das eigene Personal. Gute Leute mit neuen Ideen muss man nämlich nicht anwerben – man kann sie auch im eigenen Haus finden.

„In jedem Betrieb gibt es Menschen, die mehr können als das, wofür man sie eingestellt hat. Man muss nur genauer hinschauen“, sagt Achalake. Ein Chef, der die riesigen schlummernden Ressourcen direkt vor seiner Nase brach liegen lasse, sei ein schlechter Chef.

Und in diesem Moment wird klar, dass für die Regierenden und die Bewohner ihres Landes genau dasselbe gilt.

Was machen Sie, wenn Sie Stress haben?

Ich koche Okra, dann essen wir das mit den Fingern. Das ist meine geheime Therapie, eine stille alte kamerunische Reserve, auf die ich nicht verzichten will.

Gibt es noch mehr Kamerunisches in Ihnen?

Ich bin in einer großen Familie aufgewachsen, das war eine Gemeinschaft, wo man teilen, Rücksicht nehmen musste. Meine Oma war Politikerin, eine hoch angesehene Frau, die große Ländereien geerbt hatte. Sie war sehr fortschrittlich. Doch sie konnte nicht lesen und schreiben. Als sie achtzig war, ging sie in die Schule, um zu lernen, wie man mit dem eigenen Namen unterschreibt – statt mit dem Daumen, wie sie das bis dahin getan hatte. Sie ist mein Vorbild

Gibt es noch andere Gedanken, an denen Sie sich festhalten?

Ich stell mir gern mein eigenes Begräbnis vor. Alle stehen um mein Grab, und ich bestimme, wer sprechen darf, und wen ich wegschicke. Dass ich an meinem allerletzten Tag urteilen darf – das gefällt mir.

Wo wollen Sie denn begraben sein?

Am Zentralfriedhof, wo sonst?

 

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