Über Parkspaziergänge, die zum Fürchten sind

Sibylle Hamann

Ich war einmal Touristin in Nordkorea. Weil „die Unterschiede zwischen Kulturen und Ländern oft faszinierend sind“, wie MAK-Direktor Peter Noever im Interview mit dem „Falter“ sagt; „und vor dem Fremden hatte ich immer einen mit Interesse verknüpften Respekt.“ Touristen in Nordkorea geht es gut. Sie bekommen dreimal täglich ausreichend zu essen. Sie werden auf Schritt und Tritt von freundlichen Begleitern umsorgt. Sie müssen sich nicht anstrengen: Der Bus steht stets parat, auch wenn es zur nächsten Sehenswürdigkeit nur 30 Meter sind.

Nach ein paar Tagen Nordkorea erwacht bei Touristen ein dringlicher Wunsch. Sich die Beine vertreten, ein paar Schritte zu Fuß gehen, das wäre schön! Durch den Park zum Beispiel, ließe sich das eventuell einrichten, dass der Bus erst auf der anderen Seite wartet? Die Begleiter lächeln und nicken. Hinter ihren Augen arbeitet es heftig. Selbstverständlich könne man in Nordkorea zu Fuß gehen, sagen sie. Aber nicht jetzt. Das Wetter, sagen sie.

Jetzt sei das Wetter geeignet, sagen sie ein paar Tage später, und die Touristen gehen durch den Park. In den Wiesen sitzen, locker verteilt, ältere und jüngere Menschen. Sie haben Pinsel in der Hand und Bilder im Schoß. Die Farbe auf den Leinwänden ist trocken, dennoch tupfen die Menschen mit den ebenfalls trockenen Pinseln behutsam darauf herum. „Künstler“, erklären die Begleiter.

Hinter dem Hügel steht ein Pavillion, mit einem Dutzend Frauen in bunten Gewändern. Sie winken die Gruppe herbei, um gemeinsam zu tanzen. Zum Glück sind auch drei Musiker da. Wie offen die Nordkoreaner doch sind! Wie unbefangen sie sich Ausländern nähern, obwohl der Kontakt doch eigentlich unter Strafe steht! Nach einer Viertelstunde Tanz verabschiedet sich die Gruppe, man müsse zum Bus, die Musiker winken und singen weiter. Kaum verschwindet die Gruppe hinter der nächsten Wegbiegung, hören sie auf.

Man könnte Hunger kriegen von einem derart ereignisreichen Parkspaziergang, und was für ein netter Zufall: Am Wegesrand hat eine Familie soeben die Picknickdecke ausgebreitet, packt das Essen aus, der Papa lädt die Gruppe bereitwillig zu einem spontanen Imbiss auf die Decke. Aus vier Personen besteht die Familie, das mitgebrachte Essen reicht für fünfzehn, Besteck, Roastbeef und Shrimps inklusive.

Als der Bus am anderen Ende des Parks die Türen öffnet, lächeln die Begleiter erschöpft, aber stolz, als hätten sie eben einen Hochgebirgsgipfel bewältigt, und den Touristen läuft ein kühler Schauer des Gruselns über den Rücken.

Man kann, wie MAK-Direktor Noever, sagen: „Pjöngjang hat einen eigenen Spirit und eine eigene Urbanität.“ Man kann aber auch sagen: Hier herrscht ein Spirit, in dem Menschen nur als Pappfiguren vorkommen. Sie werden durch die Kulissen geschoben, wie es dem Führer gerade gefällt. Heute zum Picknick, morgen in den „totalen Krieg“.

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