Es ist auch eine globale Sehnsucht. Die viele betrügt.

Jetzt kommen also die ersten eifrigen Kinder mit ihren Panini-Hefterln heim und fangen mit dem Picken an. Wenn sie fertig sind, werden sie nigerianische von ghanaischen Vornamen unterscheiden können. Sie werden sich dran gewöhnt haben, dass man die Nationalität der Spieler besser an der Leiberlfarbe als an ihrer Hautfarbe festmacht.

In solchen Momenten möchte man gern dran glauben: An die Kraft einer globalen Sportart, Menschen zusammenzubringen, die sich sonst nie füreinander interessiert hätten. An ein faires, klares, universell gültiges Regelwerk, das nicht jenen belohnt, der zufällig am richtigen Ort geboren ist, sondern denjenigen, der am präzisesten ins Kreuzeck trifft.

Fußball kann, auch aus unsportlicher Sicht, sehr wichtig sein. Für Millionen kleiner Buben in armen Ländern, die an eine Stürmerkarriere glauben, weil da sonst nichts ist, woran sie glauben können. Wenn sie Glück haben, geraten sie an professionelle Förderer. Wenn sie Pech haben, was öfter vorkommt, werden sie von einem windigen Scout eingefangen. Der luchst ihren Eltern viel Geld ab und verspricht ihnen, den Sohn nach Europa zu bringen, in eine Fußballschule. Der Sohn bleibt dann, schwer verletzt, am Schengen-Zaun in Marokko hängen. Oder wird in eins der Fischerboote gesteckt, die auf dem Weg übers Mittelmeer kentern – oder auch nicht. Eventuell schafft er es sogar an Land, und schlägt sich dann in einer Großstadt als Straßenkind durch.

Auch im Leben Erwachsener kann Fußball eine existenzielle Rolle spielen. Orientierungslosen kann das Spiel zeitliche und örtliche Fixpunkte geben. Es kann die Leere füllen und über Krisen hinweghelfen. Für Menschen, die sich schwertun, sich anderen verständlich zu machen, kann es das einzige Feld sein, auf dem Kommunikation gelingt – und ein Pass ankommt.

Dann gibt es noch jene, die in Europa gestrandet sind, ohne wirklich ankommen zu dürfen. Die nicht nach Hause zurückkönnen, aber hier zur Untätigkeit verurteilt sind. Die jeden Tag vom Warten zermürbt werden, und von der Ungewissheit, wie ihr Leben weitergeht. Für viele dieser Menschen ist die Fußballwiese der einzige Ort, an dem sie die quälenden, immergleich kreisenden Gedanken für 90 Minuten abschalten können. Wo sie arbeiten dürfen, alles geben, sich anstrengen, sich verausgaben und jubeln. Wo sie, 90 Minuten lang, nicht mehr Asylwerber sind, Afghane oder Nigerianer, legal, illegal oder geduldet, sondern einfach Stürmer, Mittelfeldspieler, Verteidiger oder Torwart.

Die Illusion ist jäh vorbei. Wenn die Polizei die kurze Phase der Unaufmerksamkeit nützt, und mit dem Arrestantenwagen auf die Fußballwiese kommt. Den Platz abriegelt, die Spieler zur Abschiebung herausfischt, und wegschafft.

So geschehen auf der Marswiese in Wien-Hernals, vergangene Woche. Eh alles rechtens, wahrscheinlich. Aber da ist wieder etwas kaputt gegangen.

 

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