Feminismus ist eine großartige Sache. Hat Unterhaltungswert und vertreibt die Zeit. Auch Männer finden mittlerweile daran Gefallen – immer vorausgesetzt, er findet bloß im Fernsehen statt. Feminismus heute ist meistens eine Art Zuschauersport: Ein Moderator schickt Frauen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen in den Ring, rotzige Girlies gegen angegraute Frauenrechtlerinnen, kühle Karrieristinnen gegen schwurbelige Esoterikerinnen, und dann freuen sich alle, wenn die Fetzen fliegen. Kinder oder keine? Vielfliegerlounge oder Vollwertkochkurs? Ach, was Frauen sich bloß alles an Problemen aufgehalst haben mit ihrer Gleichberechtigung! Wie herzig, ihnen bei der Bewältigung zuzuschauen! Aber wie gut, dass uns Männer das alles nichts angeht!

Die Gleichberechtigung der Geschlechter wird, immer noch und immer wieder, als „Frauenfrage“ definiert, mit einer Hartnäckigkeit, die ihresgleichen sucht. In der Politik ist die Frauenministerin dafür zuständig, im Betrieb die Frauenbeauftragte, im Beziehungsalltag der weibliche Beziehungsteil. Warum eigentlich?

Wahrscheinlich ist genau das Hauptgrund, warum wir in der Geschlechterdebatte schon recht lange nicht mehr vom Fleck kommen.

Schauen wir uns die Gleichberechtigung einmal aus einer größeren historischen Perspektive an. Nüchtern betrachtet, haben Frauen ihren Teil des Deals erfüllt. Ihr Auftrag lautete: Lernt etwas, stellt euch beruflich auf eigene Beine, macht euch ökonomisch unabhängig und erobert die Hälfte der Arbeitswelt. Das haben sie getan. Mädchen haben heute die besseren Noten in der Schule. Frauen machen die Mehrzahl der Universitätsabschlüsse. Sie haben gelernt, Flugzeuge und Anwaltskanzleien zu lenken, Raketen und Frückstücksflocken zu designen. Sie haben gezeigt, dass man Kanzlerin werden kann und Soldatin in Afghanistan. Sie machen ihre Sache eigentlich ganz gut.

Seltsam ist bloß: Die versprochene Gegenleistung will sich nicht recht einstellen. Frauen tun, was Männer immer schon getan haben, nur eben zusätzlich. Denn dabei, ihre traditionellen Aufgaben abzutreten, kommen sie nicht recht vom Fleck. Die Verantwortung fürs Kümmern und Pflegen, Trösten und Organisieren klebt an ihnen, als sei sie angewachsen. Man nennt sie jetzt „Alphamädchen“, doch sie räumen immer noch regelmäßig den Geschirrspüler aus und checken die Termine beim Kinderarzt. Sie wissen natürlich, dass man dabei cool lächeln sollte, um nicht als frustrierte, verhärmte Zicke dazustehen. Aber ein bisschen erschöpft, ein bisschen ausgetrickst fühlen sie sich doch.

Gleichzeitig sind auch die Männer unzufrieden. Sie spüren die weibliche Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, je jünger, desto heftiger, und haben immer weniger gute Argumente bei der Hand, um ihre letzten kleinen Exklusivreviere zu verteidigen. Ihre Erwerbsbiographien werden unsicherer, immer öfter zweifeln sie daran, ob sie tatsächlich noch genauso verlässlich als „Ernährer“ taugen wie ihre Väter und Großväter. Sie wissen nicht genau, was Frauen von ihnen erwarten und sind sicherheitshalber misstrauisch. Immer öfter verweigern sie Beziehungen und laufen vor der Verantwortung für Kinder davon.

Das kann doch eigentlich nicht alles gewesen sein?

Wahrscheinlich haben Frauen schon genug über Gleichberechtigung geredet. Wahrscheinlich sind jetzt einfach einmal die Männer dran. Es ist hoch an der Zeit, sich die Themen, die Frauen mittlerweile zum Hals heraushängen, einmal von der anderen, der männlichen Seite her zu nähern.

Da tun sich plötzlich gähnende Leerstellen auf. Wie lässt sich, zum Beispiel, eigentlich die Vaterrolle mit einer ernsthaften Karriere vereinbaren? Was tun, wenn die Dienstreise mit der Schulaufführung der Raupe Nimmersatt kollidiert, und was wird die Kollegin denken, wenn schon zum dritten mal in diesem Jahr ein Pflegeurlaub notwendig wird? Welches Jobangebot lässt sich besser mit den Öffnungszeiten des Kindergartens verbinden? Und hätte ich über all das nicht schon bei der Wahl des Studiums oder des Lehrberufs nachdenken müssen?

Wer solche Fragen ernst nimmt, wird schnell draufkommen: Auch Männer können sich in Geschlechterklischees eingesperrt fühlen. Es ist nicht lustig, sich Wünsche, Bedürfnisse, Fähigkeiten abzuschneiden, bloß weil sie nicht in die Rolle passen. Und man wird auch draufkommen: Männer werden mit diesen Konflikten fast immer sehr allein gelassen. Von Politikern, von Vorgesetzten, von ihren Kollegen und Freunden – und, sehr oft, auch von ihren Kolleginnen, Freundinnen und Frauen.

Zeit wird’s also, für eine Männerbewegung, die endlich drauf pocht, dass Männer in ihrer ganzen Vielfalt für voll genommen werden.

In vielen Bereichen der Gesellschaft fehlen sie
nämlich bis heute, und ihr Fehlen tut weh. Sie fehlen in den Schulen und in den
Sozialberufen, in der Pflege, in der Jugendarbeit. Sie hätten hier immens viel
zu tun: Sie könnten Kindern zeigen, dass richtige Männer nicht nur zum
Naseputzen, sondern auch zu komplexen Erziehungsaufgaben fähig sind. Sie
könnten Buben auf die Idee bringen, sich fürs Trösten und Streitschlichten
zuständig zu fühlen, statt automatisch Automechaniker werden zu wollen.
Speziell für Buben aus traditionellen Migrantenfamilien könnten sie
Identifikationsfiguren darstellen, die ein bisschen anders reden und handeln
als die Väter daheim.

Es ist einige Jahrzehnte er, dass Frauen sich anschickten, die männlich beherrschte Arbeitswelt zu erobern. Sie waren dort nicht auf Anhieb wollkommen. Man hat sich über sie lustig gemacht, sie mit Geringschätzung bestraft, oft stoßen sie bis heute auf eiskalte, berechnende Abwehr. Es war nicht immer einfach, trotzdem blieben sie dran.

Jetzt wären Männer an der Reihe, den zweiten Teil des Deals anzupacken – und den Frauen endlich die Familienkiste aus der Hand zu nehmen. Auch sie können nicht damit rechnen, überall auf Anhieb willkommen zu sein. Manchmal wird man sich über sie lustig machen, sie mit Geringschützung strafen, mitunter werden sie auch auf eiskalte, berechnende Abwehr stoßen – denn loslassen fällt auch Frauen schwer.

Es wäre schön, wenn sie sich nicht so leicht entmutigen lassen. Wenn sie trotz allem dranbleiben. Sie könnten beweisen, was man ihnen – traditionell und klischeehaft gesprochen – so gerne nachsagt: Verwegenheit, Mut und Pioniergeist. Wir können ihnen versichern: Es ist nicht immer einfach, aber es zahlt sich aus.

Wovor fürchten sie sich eigentlich?

 

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