Ein Beitag zu einer parlamentarischen Enquete

Wenn wir uns anschauen, wie sich „Familie“ in den letzten 50 Jahren verändert hat, dann gibt es eine wesentliche Entwicklungslinie: In der Paarbeziehung unter Erwachsenen hat Vielfalt Einzug gehalten, das wird auch so bleiben. In der Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern muss es dennoch Stabilität und Verantwortung geben – und zwar unabhängig von der Beziehung der Eltern untereinander. Ich würde es sogar umgekehrt formulieren: Je unberechenbarer die Beziehung der Eltern zueinander wird, desto mehr langfristige Berechenbarkeit braucht es in den Beziehungen zwischen Mutter und Kindern einerseits und Vater und Kindern andererseits. Paar bleibt man nicht; Eltern bleibt man immer. Ziel muss sein, einen möglichst nüchternen Umgang mit dieser Tatsache zu finden, mit staatlicher Hilfe.

Für die Ehe heißt das: Als lebenslange ökonomische Versorgungseinheit mit starker Arbeitsteilung ist sie ein sehr riskantes Modell. Erstrebenswert ist stattdessen die eigenständige Verankerung jedes Menschen, Mann oder Frau, in der Arbeitswelt mit eigenständigen Ansprüchen auf Versicherungsleistungen und Pension, und die annähernd gleichberechtigte Teilhabe an Kindererziehung. Natürlich kann der Staat den Menschen nicht verbieten, sich voneinander abhängig zu machen, aber er darf sie zu diesem riskanten Verhalten nicht auch noch ermuntern, in dem er es belohnt. Alleinverdienerabsetzbetrag, Mitversicherung von Ehepartnern, Hinterbliebenenpensionen, Ehegattenunterhalt sind deshalb allenfalls noch für eine Übergangsperiode sinnvoll, aber sie dürfen nicht mehr langfristig normativ wirken.

In Österreich wird der Mutter gesellschaftllich immer noch eine Gatekeeper-Funktion zugeschrieben: Wo sie ist, wird „Familie“ definiert. Der Vater gehört oft nur über Vermittlung durch die Mutter dazu, sie entscheidet, wie weit er ins Spiel kommen darf. Vgl. Alltagsgewohnheiten: Wenn er sich kümmert, tut es das oft in ihrer Vertretung; sie legt das Gewand zurecht und sagt, was gekocht werden soll. Vgl. Politik: Für Väterkarenz legen sich immer die Frauenministerinnen ins Zeug. Diese Zuständigkeitîmuss aufhören, wenn wir Gleichberechtigung wollen! Bei dieser „Zuständigkeit“ trifft sich paradoxerweise das traditionalistische Frauenbild mit feministischen Vorstellungen von weiblicher Autonomie: Traditionell sagt man, Kinder gehören prinzipiell zur Mutter, sie weiß „von Natur aus“, was fürs Kind am besten ist. Feminismus sagt, es geht um die Selbstbestimmung der Frau, und man muss sich vom Mann nichts dreinreden lassen, wenn man nicht will. So verschieden diese Denkweisen auch sind, sie haben eine gemeinsame Konsequenz: Dass die Veratwortung für Kinder an der Mutter klebt. Mit gleichberechtigter Elternschaft ist diese Gatekeeper-Funktion unvereinbar, ebenso mit der Grundidee, dass Männer und Frauen „von Natur aus“ gleich gut für die Pflege und Erziehung von Kindern geeignet sind.

Es wird nur Gleichberechtigung der Geschlechter im Arbeitsleben und in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen geben, wenn es es uns gelingt, beide Geschlechter gleichermaflen für Kinder und Erziehung zuständig zu machen. Beispiel Island: Der Erziehungsurlaub für Babys samt Elterngeld ist dort grundsätzlich halbe-halbe zu teilen, sogar dann, wenn die Eltern gar keine Beziehung miteinander führen (es kann Ausnahmen geben, aber die brauchen eine Begründung). Dieses Modell folgt der Grundidee: Die Beziehung eines Kindes zu beiden Elternteilen darf nicht durch das Verhältnis der Eltern zueinander bestimmt sein, sondern muss sich unabhängig davon entwickeln können. Und es gibt von Staatswegen keine Präferenz, wer von beiden Elternteilen besser weifl, was gut ist für das Kind. Aus ÷sterreichischer Perspektive klingt das radikal – aber sind wir genetisch anders als die Isländer? Und besteht nicht sehr wahrscheinlich ein Zusammenhang zwischen der größeren Gleichberechtigung der Geschlechter in Skandinavien – und der Tatsache, dass Männer dort auf viel radikalere Art und Weise in ihre Väterpflicht genommen werden?

In der derzeitigen Gesetzeslage gibt es einen Punkt, der der gleichberechtigten Elternschaft im Weg steht: Dass die Mutter automatisch die alleinige Obsorge hat, wenn ein Kind unehelich auf die Welt kommt. Das ist insbesondere dann ein Dilemma, wenn die Eltern in einer Lebensgemeinschaft leben: Denn gerade in Lebensgemeinschaften ist es wichtig, dass beide Elternteile im Beruf verankert bleiben (keine Unterhaltspflicht für Partner!), dh. es ist wichtig, dass sich Eltern Betreuung und Karenzzeiten gleichberechtigt aufteilen. Mit der rechtlich alleinigen Obsorge der Mutter ist das nicht wirklich vereinbar bzw. für den Vater nicht wirklich zumutbar. Problematisch ist es auch, wenn Lebensgemeinschaften auseinandergehen – und die Frage, wie stark die Beziehung des Kindes zu ihm ist, überhaupt keinen Einfluss auf die Obsorgefrage hat. Eine Gleichstellung von ehelichen und unehelichen Kindern, dh die gemeinsame Obsorge als Normalfall in Lebensgemeinschaften, wäre m.E. sinnvoll.

Gesetze sind nicht nur dafür da, um die Gegenwart so, wie sie ist, bestmöglich zu organisieren, sondern wirken auch normativ. Dass Kinder Männer und Frauen gleichermaßen angehen, und sie prinzpiell die gleichen Teilen Pflichten ihnen gegenüber haben, könnte der österreichische Staat noch viel deutlicher betonen. Nicht nur in den Gesetzen, sondern auch in der behördlichen Praxis. Ein kleines Beispiel: Die Familienbeihilfe wird automatisch an die Frau ausgezahlt, weil die Behörde annimmt, dass sie der „vorwiegend haushaltsführende“ Elternteil ist. Ohne die gesellschaftliche Wirklichkeit leugnen zu wollen, gibt es hier eine Signalwirkung: Auch der Staat hält es für selbstverständlich, dass Frauen für die Hausarbeit zuständig sind, also muss es wohl normal sein! (Die behördliche Frage „Wer von Ihnen führt den Haushalt?“, würde Männer zumindest symbolisch in die Pflicht nehmen; im Zweifelsfall könnte man auch fragen: wer verdient weniger?)

Es kann nie allein um den Gesetze gehen, sondern immer auch um den gelebten Alltag. Auch die Obsorgefrage darf man nie rechtlich isoliert betrachten. Gleichberechtigte Elternschaft im Gesetz muss einhergehen mit gleichberechtigter Elternschaft im Berufsleben. Karenzplanung, Auszeitenmanagement, Teilzeitangebote und Kündigungsschutz müssen in jedem Betrieb ab dem Moment, wo ein Vater seine Vaterschaft meldet, ebenso selbstverständlich mitgedacht werden wie bei einer werdenden Mutter. Bei der Aufgabe, Männer in ihrer Vaterrolle von Anfang an in die Pflicht zu nehmen, spielen die ChefInnen und KollegInnen eine entscheidende Rolle. Und wenn es darum geht, hier neue betrieblich-atmosphärische Standards einzuführen, hätte der Staat als großer Arbeitgeber ein riesiges Betätigungsfeld und könnte neue Standards setzen! Die gleichberechtigte Verteilung von Arbeitzeit, Freizeit und Betreuungspflichten ist die Grundlage für die gleichberechtigte Beziehung zum Kind – und damit auch für die gemeinsame Obsorge. Und je gleichberechtigter die Elternschaft und je größer die Erfahrung im Aushandeln von Kompromissen – desto leichter fällt die gemeinsame Elternschaft in der Regel dann auch, wenn Beziehungen auseinandergegangen sind.

 

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