Sehr geehrter Herr Finanzminister!
Sie haben mich informiert, dass der Schuldenstand meiner Kinder bei je 23.901 Euro liegt.
Danke für diese Mitteilung! Die Inserate sind zwar mit meinem Steuergeld bezahlt, doch da will ich nicht kleinlich sein (es kommt mir sogar insofern gelegen, als die Zeitungen dieses Geld für Honorare verwenden, die wiederum meine Kinder ernähren). Was das Inhaltliche betrifft, darf ich Sie jedoch beruhigen: Ihre Sorge ist völlig unbegründet! Meine Kinder haben ein Barvermögen von 9,50 Euro bzw 63,10 Euro in ihren Sparbüchsen, außerdem Bausparverträge im Wert von 5,600 bzw 3,140 Euro, mit Fixzinsgarantie, lautend auf ihre jeweiligen Namen, und sind schuldenfrei.
Ok, vielleicht meinen Sie Ihre Mitteilung anders. Als Vorwurf, als sanften Tadel an verantwortungslose Eltern, die ihren Kindern Schulden umhängen, ehe die noch selbstständig aufs Klo gehen können. Aber auch in diesem Fall kann ich Ihnen versichern: Kein Grund zur Rüge, wirklich! Auch die Eltern haben nie über ihre Verhältnisse gelebt. Keine Hypothek, kein Kredit, kein Leasingvertrag, gar nix.
Es muss also etwas anderes sein. Etwas Ernstes. Vielleicht wollten Sie mich, ganz vertraulich, darauf aufmerksam machen, dass nicht ich, sondern jemand anderer im Namen meiner Kinder Schulden gemacht hat – und diese Kinder, ohne sie jemals gefragt zu haben, demnächst zur Rückzahlung verpflichten will? Sapperlot! Das wäre tatsächlich eine brisante Information, und wenn das wahr ist, bin ich Ihnen sehr zu Dank verpflichtet. Gedient wäre mir allerdings, wenn Sie noch ein paar Hinweise parat hätten: Haben Sie denn eine Ahnung, wer das gemacht haben könnte? Haben Sie wen dabei beobachtet? Kennen Sie die Verantwortlichen womöglich sogar?
Könnte ja sein, das ein Politikerkollege etwas damit zu tun hat. Sie wissen -die lächeln immer und schauen, als ginge sie das alles nichts an, aber vielleicht hat einer heimlich einen Blick ins Bugdet gemacht. Oder sogar etwas hineingeschrieben, als keiner geschaut hat! Abfangjäger bestellt. Beamtenpensionen erhöht. Ohne meine Kinder zu fragen. Womöglich wars einer von jenen, mit denen Sie in der Regierung sitzen (wie viele Jahre sind das jetzt eigentlich schon)? Oder gar einer von Ihrer eigenen Partei, die tarnen sich ja oft so raffiniert! Man mag sichs kaum vorstellen, aber am Ende sitzt der ganz dreist mitten drin, in Ihrem eigenen Ministerium, und Sie habens gar nicht gemerkt!!!
Lieber Herr Finanzminister, meine dringende Bitte: Helfen Sie mir, dass die mysteriösen Schuldenmacher nicht entkommen. Lassen Sie nicht locker. Seien Sie wachsam, schauen Sie sich in Ihrer Umgebung um, vielleicht verrät sich jemand, enttarnen Sie Ihn! Und wenn Sie ihn gefunden haben – bitte informieren Sie mich umgehend, damit ich meine Wahlentscheidung dementsprechend anpassen kann. Am besten wieder per Inserat!
Mit freundlichen Grüßen
Sibylle Hamann
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