Was Fußball mit dem österreichischen Fremdenrecht zu tun hat

Sibylle Hamann

Der Schiedsrichter ist der Chef auf dem Feld. Was er sagt, gilt. Selbstverständlich darf er beim Pfeifen keine Willkür walten lassen. Es gibt ein Regelwerk, das seinen Entscheidungen zugrunde liegt, dicke Bücher, die verschiedene Auslegungen diskutieren, und Fallbeispiele, an denen er sich orientieren kann. Aber aber am Ende zählt, was er sagt, hier und jetzt und unwiderruflich.

So ist das bei der Fußball-WM. So ist das auch beim Verfassungsgerichtshof. Weil es manchen Situationen eben eine Höchstinstanz braucht, die Klarheit herstellt. Weil es irgendwann nichts mehr bringt, alle Argumente wieder und wieder zu wiederholen, und bis zur Erschöpfung herumzuschreien. Tor oder Abseits? Tor, Ende der Debatte, weiterspielen: Für diese Worte wird ein Schiedrichter von der Allgemeinheit bestellt, bezahlt, und normalerweise auch akzeptiert.

Es kann schließlich nicht so sein, dass jene, die am lautesten schreien, Entscheidungen revidieren können, während alle, die still bleiben, ihr Match verlieren. Es ist richtig, dass Gesetze stets für alle gelten; und dass Sympathie bei Richterentschiedungen keine Rolle spielen darf.

Dennoch gibt es Momente, in denen das Unbehagen überhand nimmt. Wenn ein Ball, für alle sichtbar, zwei deutliche Handbreit hinter der Torlinie aufspringt. Wenn das Abseits so offensichtlich ist, dass es schmerzt. Oder wenn ein 18jähriges Mädchen samt zwei kleinen Geschwistern und einer schwer kranken, depressiven Mutter, die niemandem je etwas zuleide getan haben, zwangsweise außer Landes geschafft werden sollen.

Selbst dann bringt es zwar nichts, mit dem Richter zu hadern – der kann die Regeln, nach denen er pfeift, nicht ändern. Doch wenn Regeln, ganz regelkonform, regelmäßig zu Entscheidungen führen, die vielen Menschen Schmerzen und Schaden zufügen, ohne anderen Menschen zu nützen – dann wird man, soll man, muss man darüber nachdenken, wie diese Regeln besser zu formulieren wären.

Damit sind die Analogien zwischen Fußball und den Menschenrechten schon wieder zu Ende. Anders als auf dem Fußballfeld wird man in humanitären Fragen keinen Viedobeweis einführen können. Ein zusätzlicher Linienrichter wird die Unschärfen ebensowenig beseitigen wie ein elektronischer Chip, der jeden Fehler automatisch anpiepst.

Nein, wir können uns nicht drücken: Die Entscheidung, wie wir mit Menschen, die nebenan wohnen, umgehen wollen – seien es sogenannte „Fremde“ oder Quasi-Österreicher – lässt sich am Ende an keine Maschine und keine höhere Instanz delegieren. Die liegt bei uns. „Gerichtsurteile erstzen die politische und gesellschaftliche Verantwortung nicht“, sagt Barbara Helige, Richterin und Präsidentin der „Österreichischen Liga für Menschenrechte“.

Deswegen gehen viele Menschen morgen abend um 18.30 auf den Heldenplatz. Es werden hoffentlich sehr, sehr viele sein.

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