Was Männer- und Frauenlöhne betrifft, ist nicht nur Ratio am Werk

Sibylle Hamann

In den Gängen dieser Zeitung hängt eine Frage herum, schüchtern, aber beharrlich. Der ehemalige Chefredakteur Andreas Unterberger hat sie vor Jahren schon entdeckt und gestellt: Wenn es tatsächlich stimmen sollte, dass Frauen für die gleiche Leistung 18 Prozent weniger Lohn kriegen, warum stellen dann nicht alle Unternehmen ausschließlich Frauen an?

Der Chef ist gegangen, die Frage allerdings fühlte sich offenbar ungenügend beantwortet – und blieb. Letzte Woche, nach der Präsentation des Frauenberichts der Regierung, huschte sie wieder in der Redaktionskonferenz vorbei, berichtet Unterbergers Nachfolger Michael Fleischhacker. Ein „junger Kollege“ habe sie formuliert, in ähnlichen Worten wie einst. Die Frage ist gut. Doch gar so kompliziert, dass sie noch jahrelang wie ein unerlöster Poltergeist durch die Gänge taumeln müsste, ist sie nicht.

Teil eins der Antowrt ist eigentlich offensichtlich: Es ist ja eh so. Es ist ja eh so, dass Unternehmen Frauen anstellen, wenn die Kosten-Nutzen-Rechnung oberste Priorität hat, und sie möglichst viel Leistung für möglichst wenig Geld suchen. Ein Blick in die Statistiken genügt: In den Billiglohnbranchen, von der Textilindustrie über Handel und Gastgewerbe bis hin zum Reinigungsgewerbe, arbeiten fast nur Frauen. Würden Arbeitgeber Männer suchen, die dasselbe leisten, müssten sie mehr zahlen – wahrscheinlich um ziemlich genau jene 18 Prozent, die der gern bestrittene „Gender Pay Gap“ ausmacht.

Der zweite Teil der Antwort ist heikler, aber ähnlich schlicht. Er lautet: Es ist eben nicht immer nur kühle Ratio am Werk, wenn Manager handeln. Können wir tatsächlich behaupten, dass mehr Leistung stets mit höherem Gehalt belohnt wird, und die Fähigsten stets nach oben kommen? Nein. Personalentscheidungen finden nicht im sozialen Vakuum statt. Und selten ist der langfristige ökonomische Vorteil fürs Unternehmen die einzige Richtschnur. Da sind, in unterschiedlicher Dosierung, auch Bequemlichkeit, Angst, Ratlosigkeit, Eitelkeit, Freundschaft oder Eigennutz dabei.

Bleibt noch das vordergründig „objektive“ Argument mit der Mutterschaft. Dazu wäre nüchtern zu sagen: Frauen kriegen Kinder, Männer auch. Teilzeit ist eine schöne Sache, wenn man Familie hat, aber die Neigung zu Teilzeit liegt nicht in den Genen. Auch wenn es beharrlich geleugnet wird: Es gibt eine Alternative zur „synthetischen Erzeugung und Aufzucht des Nachwuchses“. Sie lautet: Väter. Männer, die ihre Elternschaft ebenso ernst nehmen wie Frauen, und die dafür notwendigen beruflichen Kompromisse mit ihren Partnerinnen teilen.

Dem steht bislang bloß ein dickes, fettes Haupthindernis im Weg: Dass sie nämlich, siehe oben, um 18 Prozent mehr verdienen. Wer will, dass sich in den Familien nichts verändert, wird dafür sorgen, dass dieser „Gender Pay Gap“ erstens geleugnet – und zweitens einzementiert bleibt.

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