Hans Dichand ist tot, und immer noch fürchten sich alle. Auch im ORF.

Sibylle Hamann

Nathalie Borgers ist 45 Jahre alt. Sie ist gebürtige Belgierin, hat in San Francisco gelebt und in Wien, derzeit ist sie in Paris. Sie ist eine unkomplizierte Frau mit wachen Sinnen und scharfem Blick. Wenn sie über etwas stolpert, das sie interessiert, schaut sie genauer hin, fragt nach. Am Ende wird manchmal ein Film draus. Über die Toubou-Frauen in der Sahara, die einmal im Jahr ihre Männer zurücklassen und mit den Kamelen zu den Dattelplantagen wandern. Oder über die Leute in einem Hochhaus in der Heiligenstädter Muthgasse, die jeden Tag eine Zeitung herstellen.

Nathalie Borgers‘ französischer Akzent scheint Hans Dichand gefallen zu haben. Jedenfalls gestand er ihr vor der Kamera, dass ihn wegen des täglichen Horoskops (an das er nicht glaubt) das schlechte Gewissen plage. Dass er die Leserbriefseiten so schätzt, weil er dafür keine Honorare bezahlen muss („Ich find das wirklich sehr lustig, weil die schreiben das ja umsonst!“), und dass die Tierecke, wegen der vielen Erbschaften, Millionen einbringt. Freimütig ließ er sich beim Gugelhupf-Schmausen mit Thomas Klestil zuschauen („Schöne Grüße von meiner Gattin, sie sagt, sie steht jederzeit zur Verfügung!“). Insgesamt ist der Film „Kronenzeitung: Tag für Tag ein Boulevardstück“ abgründig, absurd, lustig, lehrreich.

Lehrreich nicht nur über Dichand, sondern auch über Österreich. Etwa deswegen, weil sich in all den Jahren niemand im ORF getraut hat, ihn ins Programm zu heben. Als er 2002 auf ARTE gezeigt wurde, entfernte Dichand den Kulturkanal aus dem TV-Programm der „Krone“. Fürchtet der ORF, ihm könne ähnliches passieren? Ist er deswegen in unterwürfiger Schockstarre festgefroren? Zeigte er deswegen einen Nachruf wie auf einen zentralasiatischen Despoten?

Dichand beim Segeln, die Hand am Steuerruder, den Blick gen Horizont. Dichand mit feuchten Augen beim Streicheln von Hundebabies, die Hunde sind sehr herzig. Viele alte Männer kommen zu Wort, Bewunderer, Ergebene, Verhaberte, die „genial“ sagen, „einzigartig“, „beispielhaft“, „bewundernswert“ und „ganz groß“. Viele waren bei ihm angestellt, einige sind inzwischen tot. Die einen eifern ihm nach, die anderen sind ihm neidig, wieder andere wollen noch was werden, wenn demnächst sein Erbe verteilt wird.

In lähmenden Momenten wie diesen fragt man sich, nicht zum ersten mal: Wovor fürchten all diese Leute sich eigentlich – die Interviewten, die Interviewer, die Sendungsverantwortlichen ebenso wie die immergleichen Diskussionsrundenteilnehmer?

Es wird auch in Österreich Menschen wie Nathalie Borgers geben. Freigeister, Neugierige, Nicht-Verhaberte. Menschen, die sich gern auf Fremdes einlassen, die niemandem schmeicheln müssen. Und denen man, genau deswegen, gern zuhört.

Ein öffentlich-rechtliches Massenmedium, das solche Menschen nicht kennt, nicht findet und nicht reden lässt, hat ausgespielt.

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