Junkies wie wir
Das Öl-Desaster zeigt: Suchtkranke handeln nicht rational
Sibylle Hamann
Es ist eine natürliche Substanz. Es macht das Leben angenehm. So sehr, dass man sich fragt: Wie haben wirs bloß so lang ohne ausgehalten? Jeder will das Zeug haben, jeder fängt hektisch an zu suchen. Wer zu Hause viel davon findet, wird schnell reich. Wer keines findet, zahlt dafür.
Mal ist das Zeug billig, mal sauteuer. Rational müsste man meinen, der Preis beeinflusse die Nachfrage, aber das tut er kaum. Das Zeug wird gekauft, egal, was es kostet. Weil niemand ohne auskommt. Weil alle bereits ihr Leben danach ausgerichtet haben und sofort kollabieren würden, ohne ihre tägliche Dosis. Die klinische Diagnose für so etwas lautet: Sucht.
Irgendwann ist alles Zeug, an das einfach heranzukommen ist, aufgebraucht. Rational müsste man meinen: Das wäre der Zeitpunkt, sich in eine Entzugsklinik einzuschreiben. In einen Therapeuten zu investieren. Sich die Sinnfrage zu stellen. Ob’s vielleicht auch noch eine andere Art Leben gibt?
Aber nein. Wer Junkies kennt, weiß, dass es meist anders kommt. Die steigern eher die Dosis und das Risiko. Wir finden sicher noch was, das holen wir uns. Koste es, was es wolle, egal, was dabei kaputtgeht, und wen wir damit verletzen. Irgendwo muss sich noch ein kleiner Rest verstecken, raus damit, noch tiefer bohren, noch fester drücken, schneller, draußen stehen sie schon Schlange, mit Geldbündeln in der Hand.
Rational müsste man meinen: Im idealtypischen Wechselspiel zwischen marktwirtschaftlichem Wettbewerb und der ordnenden Hand des Staates wäre hier irgendwo der Punkt, an dem die wachsenden Risiken in dramatisch steigende Kosten umschlagen. Weil die Förderung immer unzugänglicherer Reserven immer teurere Expertise braucht, immer aufwendigere Sicherungsmaßnahmen, immer größere Rücklagen, um ökologische und soziale Folgekosten auszugleichen. Irgendwann müsste der Punkt erreicht sein, an dem sich der Dealer zu den ungeduldigen Kranken umdreht und sagt: Sorry, Leute, aber das Geschäft zahlt sich für mich nicht mehr aus; schaut euch nach einer anderen Droge um, Tabletten vielleicht?
Aber der Punkt kommt nie. Weil die ordnenden Hände der Staaten längst ebenfalls angefixt sind – und panisch zu zittern beginnen, wenn sie ahnen, der Nachschub könnte ausbleiben. Ganz klein haben sich deswegen alle gemacht, ganz mucksmäuschenstill sind alle geblieben, während immer gewalttätiger gequetscht und immer waghalsiger gebohrt wurde. Nein, da hatte keiner mehr irgendwas im Griff. Nichts mehr unter Kontrolle. Da haben bloß alle ganz fest die Augen zusammengedrückt und sich eingeredet: Wird schon gut gehen, irgendwie. Bis zum nächsten Schuss, zumindest.
Es ist nicht gut gegangen.
Barack Obama stellt sich heute abend ins Fernsehen und hält eine Rede an seine Nation. Er erwarte einen grundlegenden Bewusstseinswandel in der Energiepolitik, sagt er. Schauen wir einmal, ob schon irgendwer für den Entzug bereit ist.
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