Die WM wäre für die Medien eine Gelegenheit, ihr klischeetriefendes Afrika-Bild zu überdenken.

Ein Essay

Es ist gar nicht schwer, über Afrika zu schreiben. Die Erde wird rot sein, der Horizont weit, irgendwann wird die Sonne untergehen. Wenn sich Stille übers Land legt, jene gespenstische Stille, die immer herrscht, wenn eben eine Katastrophe vorbeigezogen ist, werden die dunklen Menschen zu einer fließenden, amorphen Masse verschwimmen. Aus der Ferne wehen Trommelklänge her. Es wird sich magisch anfühen, rätselhaft irgendwie, das wird zu den apokalyptischen Zahlen passen, die zu vermelden sind, und zu den geraunten Warnungen. Der Untergang ist nah.

Wem das als Anleitung für Afrika-Berichte nicht reicht, für den hat der in Kenia geborene, in den USA lebende Schrifststeller Binyavanga Wainaina noch Stiltipps parat. „Im Titel müssen Sie immer Finsternis oder Safari unterbringen“, empfiehlt er in einem polemischen Essay, „nützlich sind auch die Begriffe Guerilla, zeitlos, ursprünglich, Stamm.“ Was die Bildillustration betrifft: „Eine Kalaschnikow, hervorstehende Rippen, nackte Brüste: Nehmen Sie so etwas. Afrika muss bemitleidet, angebetet oder beherrscht werden… am Ende sollen die Leser überzeugt sein, dass es ohne Ihr Einschreiten verloren ist.“

Dass Wainaina das typische Afrika-Bild wahnsinnig auf die Nerven geht, ist verständlich. Wobei man gar nicht sagen kann, dass quantitativer Mangel herrscht: Verglichen mit Indien, Südostasien oder Lateinamerika kommt Afrika in europäischen Medien sogar relativ häufig vor. Doch beinahe immer wird dem Kontinent eine spezielle Rolle zugedacht; die des „Anderen“. Gewalt, Hunger, Aids, Seuchen, Massenmord, Musik, Natur, Kindersoldaten, wilde Tiere, elende Flüchtlingstrecks: Afrika muss abgründig sein, archaisch, anarchisch. Nah am Leben, nah am Tod.

„Ich wurde dafür bezahlt, zu schreiben, was in die Erwartungen der Kollegen hineinpasste“, zieht die Zambierin Regina Jere-Malanda eine bittere Bilanz aus vielen Jahren Korrespondententätigkeit. „Und westliche Medienbetriebe interessieren sich eben nicht für Afrikaner, denen es gut geht.“

Wie ist diese Verzerrung zu erklären? Sicher hat sie mit der kolonialen Geschichte zu tun. Um den Kontinent systematisch auszuplündern, musste man ihn als „Rohstoff“ definieren, ohne Geschichte, ohne eigene Interessen.

Doch es gibt auch einen neueren, einen medenökonomischen Grund: Dass die Journalisten die Deutungshoheit über den Kontinent an eine andere Instanz abgetreten haben – an die humanitären NGOs, die Not- und Entwicklunghelfer.

Mit großen Augen blickt ein Kind in die Kamera. Es hängt in den Armen einer ausgemergelten Mutter, die Kleider hängen ihm in Fetzen am Leib. Sie müssen weit gegangen sein, auf der Flucht vor marodierenden Soldaten oder vor einem Fluss, der aus den Ufern trat. Der verlorene Anblick wäre kaum zu ertragen, könnte man im Bildhintergrund nicht Zeltplanen erkennen, und einen Menschen mit weißem Kittel, der Proteinriegel verteilt, Schnittwunden verbindet, Latrinen baut, Geburtshilfe leistet. Jemand kümmert sich. Gott sei Dank.

Dieses Bild kennen wir alle. Was wir selten erfahren, ist seine Entstehungsgeschichte. Die geht normalerweise so: Wenn irgendwo auf der Welt eine Katastrophe stattfindet, ein Erdbeben, ein Krieg, sind die ersten, die davon erfahren und reagieren, beinahe immer die weltumspannden Nothilfeorganisationen. Ärzte ohne Grenzen, CARE, Caritas International oder Oxfam bringen innerhalb von Stunden Material und Spezialisten vor Ort. Sie bauen eine eigene Infrastruktur auf, samt Transportlogistik und Informationsnetzwerken. Wo staatliche Institutionen versagen (zu weit weg, korrupt oder unfähig), treten NGOs und UN-Organisationen an ihre Stelle, oft viele Jahre lang.

Anders als die meisten afrikanischen Staaten haben Hilfsorganisationen internationale Glaubwürdigkeit, und sie haben professionell agierende PR-Abteilungen. Jede NGO lebt von Spenden. Spenden erhält man nur, wenn potentielle Geldgeber von der eigenen Arbeit vor Ort erfahren. So entsteht eine quasi symbiotische Beziehung zu den Medien. „Wir brauchen die Schlagzeilen, sie brauchen das Geld“, umreißt der langjährige BBC-Reporter Fergal Keane die Beziehungsgrundlage.

Und die Medien nützen dieses Angebot gern. Nichts ist leichter und billiger, als sich von NGOs eine ganze Recherchereise organisieren zu lassen – man kann deren Quartiere nützen, deren Transportmittel, Übersetzer, Fahrer, Stromnetze und Datenkabel. NGO-Mitarbeiter wissen, wie Medien ticken, das macht sie zu effizienteren Informanten als z.b. der örtliche Dorfchef einer ist. Sie können einem, brutal formuliert, sofort die kranken Kinder zeigen, ohne dass man der Höflichkeit geschuldete Umwege macht. Aus Sicht eines Journalisten heißt das: Man muss sich um fast nichts kümmern, und ist, mit der vorab geplanten Geschichte, nach ein paar Tagen wieder daheim. Fast wie im Reisebüro.

Den NGOs kann man das nicht vorwerfen, im Gegenteil: Es ist ein Beweis für ihre wachsende Professionalität. Eine Schieflage entsteht erst, weil parallel dazu die klassischen journalistischen Ressourcen radikal schrumpfen.

Alle Medienhäuser haben in den vergangenen Jahren Auslandsbüros zugesperrt, jene in Afrika waren die ersten. Der klassische Korrespondent ist eine aussterbende Gattung. Einst war er ein flanierender Kosmopolit, der sich auf Diplomatendiners ebenso gut zurechtfinden musste wie im Jeep auf der staubigen Landstraße, und alle paar Jahre das Land wechselte, um keine Wurzeln zu schlagen. Heute ist er ein verzichtbarer Kostenfaktor. Die amerikanischen Verlagshäuser budgetieren ein durchschnittliches Auslandsbüro mit 250.000 Dollar pro Jahr, und holzten noch radikaler ab als die europäischen. Mittlerweile gibt es in den USA nur vier Zeitungen, die überhaupt noch welche haben.

Im Prinzip wäre das nicht tragisch. Würde es nicht bedeuten: Dass es an der Peripherie, weit weg von den Zentralredaktionen, kaum noch Menschen gibt, die auf die Berichterstattung Einfluss nehmen können. Dass es für all die interessanten Geschichten, die fernab der Elendsbrennpunkte passieren, in den Städten, den Märkten, den Straßen, den Shoppingsmalls, kein Radar gibt, das sie aufnehmen, filtern, bewerten und weitergeben könnte. Dass niemand mehr da ist, der korrigieren könnte, eine vermeldete Katastrophe sei eventuell „doch nicht so schlimm“.

Eine Berichterstattung, die sich in den Dienst der humanitären Arbeit stellt, muss beinahe zwangsläufig einem Grudmuster folgen. Sie muss ein Problem definieren (die Gewalt, die Dürre, der Krieg), die Opfer identifizieren (am Problem unbeteiligt, schuldlos, Frauen und Kinder), und anschließend eine Lösung zeigen, die man per Spende unterstützen kann (die taffe junge Kärntner Ärztin, die im Flüchtlingslager anpackt). Diese Rollenverteilung prägt inzwischen das Bild des ganzen Kontinents: Die Afrikaner bleiben austauschbar, ohne Namen, wehr-, hilf- und geschichtslos. Die Weißen hingegen werden als handelnde Personen definiert, mit Namen und Gesicht, identifizierbar und für ihre Handlungen verantwortlich. Die einen schauen stumm in die Kamera und leiden. Die anderen erzählen so, dass man sie versteht und sich mit ihnen identifizieren kann.

„Ich bin erst spät aufgewacht und habe gemerkt, was wir da eigentlich machen“, gibt BBC-Reporter Fergal Keane selbstkritisch zu. „Wir verwenden die Sprache des alten Testaments, und wir erzeugen ein Mitgefühl, das nach Farben codiert ist: Hier der weiße Engel der Barmherzigkeit, dort die gequälten afrikanischen Massen. Das hilft den Lesern, sich in den Geschichten, die wir ihnen schicken, zurechtzufinden. Aber es richtet schweren Schaden an – auch was das Selbstbild der Afrikaner betrifft.“

Vor Beginn der Weltmeisterschaft sind alle Scheinwerfer auf das südliche Afrika gerichtet. Schon vor vielen Monaten haben die großen Agenturen, Zeitungen und Fernsehstationen ihre Schlachtpläne entworfen, denn bei jedem sportlichen Großereignis braucht es auch Rundum-Geschichten. Für die Zeit vor dem Match, danach und dazwischen. Damit der Spannungsbogen nicht reißt. Damit man, zur Abwechslung, auch Musik und bunte Bilder unterbringt. Damit mehr Frauen zuschauen.

Die Aufklärer in den Medien wittern, dass in diesen Wochen ein Fenster aufgeht. Jetzt, nur jetzt, kann man ein Massenpublikum erreichen, um ihm zu erzählen, wie Afrika, in all seiner Vielfalt, „wirklich“ ist. Seit Wochen liest man in jedem Medium, das einen Bildungsanspruch hat, Reportagen aus den verschiedensten Ecken des Kontinents, mit oder auch ganz ohne Fußballbezug – über Hühnerzüchterinnen in Mosambique, Goldschürfer in Ghana oder DJs in Addis Abeba.

Ein bisschen schlechtes Gewissen ist dabei durchzuhören. Aber die Chancen stehen gut, dass von den Pausenfüllern etwas hängen bleibt.

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