…aber warum werden in Österreich Selbstständige wie Leibeigene behandelt?

Sibylle Hamann

Wir SVA-Versicherten sind Unternehmer. Das heißt für die meisten von uns nicht, dass wir Angeberautos fahren oder Zigarren rauchen. Es kommt selten vor, dass wir nur mit dem Finger schnippen brauchen, damit ein dienstbeflissener Privatsekretär uns die Handtasche abnimmt.

Es stimmt schon irgendwie, dass wir freiere Menschen sind als Angestellte. Meistens haben wir es uns genau deswegen so ausgesucht. Wir nehmen dafür in Kauf, dass wir vieles selber machen müssen, was Angestellten abgenommen wird: Wir putzen eigenhändig unser Büro, kaufen Kopierpapier und Radiergummi, sammeln Belege, überweisen unsere Versicherungsbeiträge selber, und machen jedes Jahr unsere Steuererklärung.

In diesen Tagen kommt noch ein bisschen mehr dazu: Arztrechnungen zahlen und, samt den richtig ausgefüllten Formularen, in ein Kuvert stecken, frankieren und an die Krankenkassa schicken. Aber: Nein, wir klagen nicht.

Auch unser Präsident, Christoph Leitl, sieht das „nicht so dramatisch. Es gibt auch sonst Versicherte, die sich selbst um den Arzt ihrer Wahl und die Höhe der Tarife kümmern“.

Das ist richtig. Würden wir in der Schweiz leben, oder in den USA: Dort müssten wir uns selber die Versicherung aussuchen. Wir könnten unter verschiedenen Preis- und Versorgungskategorien wählen, mit unterschiedlichen Selbstbehalten und unterschiedlichen Leistungen. Wir würden unsere Rechnungen zur Refundierung einreichen. Wenn wir gesund bleiben (oder keine Rechnungen einreichen), würde uns die Versicherung mit Prämien belohnen. Alles ein bisserl mühsam, aber durchaus möglich.

Sind wir ja gewöhnt, den Organisationskram. Haben wir ja gelernt, das Konditionen-Vergleichen und das Selber-Verhandeln. Wie Christoph Leitl im „Presse“-Interview richtig sagt: „Mit Kunden-Lieferanten-Beziehungen verstehen meine Selbstständigen umzugehen.“

Schon richtig. Wäre in diesem Satz nicht ein tückisches Wort drin, das eine tieferliegende Wahrheit verrät. „Meine“ Selbstständigen, sagt der Präsident.

Genau hier liegt die Perversion: So selbstständig kann man in Österreich gar nicht sein, dass einen nicht irgendein Sozialpartner-Präsident zum Leibeigenen erklärt. Selbst wenn man das volle ökonomische Risiko für das eigene Leben trägt und nicht darauf besteht, von irgendwem versorgt zu werden, wird man zwangsweise einem Kollektiv einverleibt. Einer Kammer samt Pflichtbeiträgen, und einer Versicherung, die uns Tarife, Konditionen und Zahlungsmodalitäten diktiert. Ihre Tarife.

Sagen wirs so: Totale Freiheit und Eigenverantwortung hätten durchaus ihre Reize. Totale Sicherheit und Rundum-Versorgung wären ebenfalls attraktiv. Selbstständig sein in Östereich hingegen bedeutet: Die lästigeren Aspekte aus beiden Welten aufs Aug gedrückt zu bekommen.

Aber wir klagen ja nicht. Bloß interessehalber sei gefragt: Ist man als Selbstständigen-Präsident eigentlich selbstständig? Oder angestellt?

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