Fast die Hälfte der österreichischen Journalisten sind Journalistinnen. Warum bloß sieht man das den Medien nicht an?

1998 war das Jahr von Monica Lewinsky, die Welt stand im Bann der Frage, was genau sie mit Bill Clinton gemacht hatte. Der Standard war erst zehn Jahre alt, und galt als tägliches Zentralorgan der fortschrittlichen Menschen im Land.

Seltsam nur, dass sich ausschließlich männliche Kolumnisten im Blatt zeigen durften.

Einige Redakteurinnen störte das. Noch mehr verstörte sie: Dass diese Tatsache den liberalen, fortschrittlichen Blattmachern nicht einmal aufgefallen war. Die Unsichtbarkeit von Frauen empfand niemand als Problem; eine 100-Prozent-Männerquote hingegen als ganz normal.

Die „Standard“-Frauen waren mit ihrem Unbehagen nicht allein. ORF-Redakteurinnen und Gewerkschafterinnen ging es in ihren Institutionen ähnlich. Ungefähr gleichzeitig riss ihnen der Geduldsfaden. Sie luden in den Presseclub „Concordia“, der prompt überrannt wurde, und gründeten eine gemeinsame Plattform. Das war der Beginn des „Frauennetzwerks Medien“, das in diesen Tagen seinen zehnten Geburtstag feiert. Mit Fest, Prominenz und feurigen Solidaritätserklärungen aus Politik und Wirtschaft.

Hat sich seit den Tagen des Aufruhrs viel geändert? Naja. Inzwischen hat ein Generationenwechsel stattgefunden; statt den 60jährigen sind heute die 40jährigen am Ruder. Der Standard hat eine kleine Schwester (diestandard) bekommen, und – als einzige Tageszeitung des Landes – eine Chefin. Wenn die „Runde der Chefredakteure“ sich im Fernsehen versammelt, ist Alexandra Föderl-Schmid also manchmal dabei. Wenn sie fehlt, ist Elmar Oberhausers Herrenclub jedoch sofort wieder unter sich.

Wie vergangene Woche, nach dem Tod Hans Dichands. „Wenn sieben Männer über die Zukunft der Medien reden, ist das ein Sinnbild dafür, wie es um die Zukunft der Medien steht“, sagt Biggi Handlos.

„Unerträglich“ nennt die streitbare ORF-lerin diesen Anblick. „Altvatrisch! Unmöglich! Unzumutbar!“ kann sie auch noch hinzufügen, falls jemand sie missverstanden hat – und, ja, es sei jetzt Schluss mit lustig. Dass man keine Frauen finde; dass es halt nicht genügend gebe; dass sie nicht qualifiziert genug seien: „Die Zeit der Ausreden ist vorbei“, sagt die langjährige Leiterin des Netzwerks, heute Chronik-Chefin im Aktuellen Dienst.

Dass die Zeit der Ausreden objektiv vorbei ist, zeigt die Statistik. In den vergangenen Jahren hat sich der Berufsstand radikal verweiblicht. Bis Anfang der Siebziger Jahre galt der „Herr Redakteur“ noch als männliche Respektsperson (die Presse-Innenpolitikerin Ilse Leitenberger war eine einsame Ausnahme). Heute sind 42% der österreichischen Journalisten Journalistinnen; deutlich mehr als in der Schweiz, in Deutschland oder in den USA.

Journalistinnen sind signifikant höher gebildet als ihre männlichen Kollegen, gleichzeitig verdienen sie signifikant weniger (siehe Randspalte). Wie ist das zu erklären?

Dass Journalistinnen jünger sind, ist ein Hauptgrund. Der zweite: Dass sie in Führungspositionen fehlen. Wie das kommt, erzählt Handlos: „Der Boys‘ Club trifft sich gerne in den Chefbüros, um die Tortenstücke aufzuteilen. Betriebsrätliche und geschäftsführende Männerrunden mit dicken Zigarren und vollen Whiskeyschwenkern oder Rotweingläsern sind keine Bilder aus einem Hollywoodfilm, sondern spielen sich im ORF auch im 21. Jahrhundert noch genauso ab.“

Der ORF ist, was seine Größe betrifft, ein Ausnahmebetrieb. In Zeitungen, Magazinen, Privatradios und Onlinemedien sind die Redaktionen kleiner, die Hierarchien flacher, die Karrierewege flexibler. Wer sich am besten verkauft, kriegt am meisten Geld; wer sich gruppendynamisch am geschicktesten platziert, hat am wenigsten zu tun; und wer am härtesten arbeitet, hat nicht zwangsläufig den größten journalistischen Erfolg.

Generell gilt: Je informeller die Strukturen, desto wirksamer sind persönliche Sympathien und Seilschaften. Im Journalismus kommt erschwerend hinzu, dass sich „Leistung“ gar nicht so einfach objektiv messen lässt; schwieriger zumindest als in einem Betrieb, der Waschpulver oder Schrauben verkauft.

Inmitten so großer Unschärfen bleibt viel Raum für Machtrituale und Selbstdarstellung; kein Feld, in dem Frauen besonders brillieren. „Eine Redaktion ist kein Ort, an dem Argumente zählen. Es geht immer nur darum, Verbündete zu haben“, sagt Karin Strobl, die heute Chefin des Netzwerks ist.

Strobl ist älter als sie aussieht, und entschlossener, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Mit Anfang zwanzig begann sie als Gerichts- und Chronikreporterin, mitten drin im prallen Leben am Boulevard, erst bei der „Krone“, dann bei „heute“.

„Ich hab lang gebraucht, bis ich durchschaut hab, wie die Männer das machen“, sagt sie. „Wie sie die Federn aufstellen. Wie sie auf Bestellung applaudieren. Wie sie einander auf die Schultern klopfen. Die segnen einander jeden Tag den Status ab, das geht ganz ohne Worte. Man könnte viel von ihnen lernen“, sagt sie. Nachsatz: „Wenns im Ergebnis nur nicht gar so öd wäre!“

Strobl durchlief, wie viele junge Medienfrauen, anfangs eine Phase, in der alles ganz leicht schien. „Die alten Kollegen sind irrsinnig nett und helfen, die Informanten gehen gern was trinken, und die Chefs zeigen dich stolz her“, erzählt sie. „Das geht gut, solang du jung und ungefährlich bist. Doch sobald du zu einer potentiellen Konkurrentin heranwächst, ist es vorbei.“

Anneliese Rohrer, als ehemalige Innen- und Außenpolitikchefin der „Presse“ mit allen Abgründen vertraut, hat ähnliches beobachtet. Sie nennt das Phänomen die „Girlie-Falle“: „In Zeiten ausgeprägten Konkurrenzdenkens kann es sich als Vorteil erweisen, auf männliche Entscheidungsträger wenig bedrohlich zu wirken“, schreibt sie. „Doch mit Ende zwanzig ist das Kapital an Harmlosigkeit in den meisten Fällen aufgebraucht.“ Sobald Frauen von nett und sexy auf forsch und fordernd umschalten, „reagieren Männer mit spontanen Unlustgefühlen, weil sie sich an drängende und fordernde Mütter und Ehefrauen erinnert fühlen.“

Solche Befindlichkeiten können hinderlich sein, wenn man eine gute Zeitung machen will. Denn ein Medienbetrieb hat ein spezielles Problem: Seine Angstellten haben Namen und Gesichter, die nach außen wirken. Sie stellen die Marke dar, formen das Image, und wirken als Identifikationsfiguren für Konsumentinnen und Konsumenten. Dafür braucht es Vielfalt.

Wo diese allzu offensichtlich fehlt, sticht das sofort ins Auge. Der „Falter“ etwa kam bis vor kurzem in den Ressorts Meinung, Politik, Medien, Feueilleton und Programm ohne ein einziges weibliches   Kolumnengesicht aus. Auf der Homepage des „profil“ blicken einen sieben Männergesichter an, begleitet einzig von der freien Mitarbeiterin Elfriede Hammerl.

In Medien, die inhaltlich fortschrittlich argumentieren, kann so etwas rasch widersprüchlich, unglaubwürdig oder gar komisch wirken: Etwa wenn profil, wie im März, das „Macho-Land Österreich“ an den Pranger stellt. Oder, nur ein paar Wochen später, den „Siegeszug des gleichmacherischen Feminismus“ beklagt.

Die meisten Medienmacher sind daher inzwischen zur Erkenntnis gelangt, dass man Vielfalt dort, wo sie innen fehlt, zumindest nach außen vortäuschen muss. Bei Moderatoren in Radio und Fernsehen herrscht deswegen Geschlechtergleichgewicht; bei Kolumnen ist man, etwa in der „Presse“, zumindest nahe dran.

Wesentlich schwieriger ist es jedoch, dort etwas zu ändern, wo es nicht um die Auslagendekoration, sondern um reale Macht, Geld und Einfluss geht. Führungszirkel neigen dazu, homogen zu bleiben, und sich stets zu reproduzieren.

Alexandra Föderl-Schmid hat dieses Erwartungsmuster stark gespürt – an sich selbst, als sie Chefredakteurin wurde, sowie an Kolleginnen, denen sie Leitungsfunktionen anbot, und sich Absagen holte. „Mir sind zig Gründe eingefallen, was ich alles nicht kann, gerade im Vergleich zu meinem Vorgänger. Dann habe ich mir aber gedacht: Ich kann doch dieses und jenes, und das vielleicht sogar besser.“

Dass eine Frau spontan „anders“ erscheint: Das ist die Irritation, die überwunden werden muss. Erst wenn eine gewisse kritische Masse in Entscheidungspositionen sichtbar wird, verschiebt sich der Maßstab dafür, was wir als normal empfinden.

Eine brachiale, aber effektive Methode, um diese kritische Masse herzustellen, ist die Quote. Föderl-Schmid hat sie stets abgelehnt. Das Frauennetzwerk hingegen fordert sie vehement – sowohl bei Postenbesetzungen, als auch in öffentlichen Debatten. „Schlicht deshalb, weil nichts anderes wirkt“, sagt Karin Strobl. „Und weil es unzumutbar ist, immer als einzige Frau in einer Runde zu sitzen.“

Das hartnäckige Lobbying hat sich am Küniglberg ausgezahlt: Das eben beschlossenen ORF-Gesetz sieht eine Quote vor. Bei Ausschreibungen sind, bei gleicher Qualifikation, so lange Frauen zu bevorzugen, bis ein Anteil von 45% erreicht ist.

Das Leben von Alexander Wrabetz wird damit noch ein bisschen komplizierter – zu den dutzenden Interessen, die er bei seinen Personalentscheidungen berücksichtigen muss, kommt nun ein weiterer Puzzlestein hinzu. Auch der Sparzwang ist paradoxerweise hinderlich: Denn Männer zu befördern, die ohnehin schon Spitzenverdiener sind, kostet insgesamt weniger, als wenn man schlechter verdienende Frauen einige Gehaltsklassen hinaufstufen muss.

„Wir werden dem Generaldirektor helfen“, verspricht Handlos. „Wir sind die Task Force. Wir werden die Quote mit Leben erfüllen, und es wird zum Besten des Unternehmens sein.“ Zum Besten der Zuschauerinnen und Zuschauer wahrscheinlich auch.

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