Eine Schönheitsoperation ist kein Besuch beim Friseur

Sibylle Hamann

Sommer ist, und gar nicht so wenige Menschen fürchten sich vor dieser Jahreszeit. Weil sie ihren Körper für unzulänglich halten, zumindest im Vergleich zu den anderen, den perfekteren Körpern. Sie halten den Anblick, den sie anderen bieten, für nicht zumutbar. Sie schämen sich.

Die Wochen der kollektiven Entblößung sind ein Moment der Verwundbarkeit. Und es ist beinahe erschreckend, wie zielsicher Medien und Werbung diesen Moment erwischen, um in diesen Verwundungen herumzubohren. „Glatte Gesichtszüge, ein bewundernswerter Busen, bildschöne Beine“: Können Sie alles haben! Füllen Sie nur rasch eine Gewinnspielkarte aus! „Österreich schenkt Ihnen jetzt die Beauty-OP!“

Wenn Sie bei der Fast-Gratis-Zeitung kein Glück haben mit der Total-Gratis-OP, können Sie es auch bei RTL II versuchen. „Extrem schön! Endlich ein neues Leben!“ nimmt Bewerbungen für die nächste Staffel entgegen. Einfach drei Bilder mailen, die Ihre allerschlimmsten Körperteile zeigen, vielleicht wählt man Sie für den OP-Tisch aus, und dann ist alles gut. „Die überschäumende Freude nach der Verwandlung ist überwältigend“, verspricht die Homepage.

Ja, kosmetische Eingriffe können sehr sinnvoll sein. Wir bewundern Menschen normalerweise, wenn sie die Grenzen ihrer Herkunft sprengen. Wenn sie nicht dem markierten Weg folgen, den das Schicksal für sie vorherbestimmt hat, sondern ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Da kann man kaum im selben Atemzug Menschen verurteilen, bloß weil sie die Willkür nicht hinnehmen wollen, mit der die Natur körperliche Attraktivität verteilt. Wo ein kleiner, einfacher Schnitt ein großes, belastendes Problem lösen kann, wird das jeder verstehen.

Schlimm wird es jedoch, wenn wir als Ganzes, in all unserer Normalität, zum Problem erklärt werden. Wenn wir von einem vielstimmigen, penetranten Chor angeschrien werden, der uns jeden Tag an unsere tausend kleinen Mängel und Unzulänglichkeiten erinnert, und uns zum Vorwurf macht, dass wir sie einfach so akzeptieren. Hier hängt was, dort schwabbelt es ein bisschen – muss doch wirklich nicht sein! Kann man doch alles optimieren, heutzutage! Kann man ruckzuck richten, wegschneiden, absaugen, begradigen, glätten lassen, ist doch alles keine große Sache! So simpel wie der Besuch beim Friseur! Was haben Sie eigentlich für ein Charakterdefizit, das Sie sich dermaßen gehen lassen?

So und ähnlich tönt es aus den Inseraten und Ratgeberecken. Von Schwellungen, Infektionen, Lungenschäden, Taubheit und Entstellungen ist da selten die Rede. Von jenen 22% der Fälle, in denen es Komplikationen gibt. Davon, dass sich in Österreich jeder Arzt, ohne gelernter Chirurg zu sein, nach einem Wochenendseminar „Schönheitschirurg“ nennen und losschnippeln darf.

Wie ist so viel Unsicherheit, so viel Unklarheit zu erklären? Nur damit, dass den allermeisten Menschen das Thema so verdammt peinlich ist.

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