Unser Umgang mit Prostitution ist feig, zynisch und gefährdet Menschenleben

Sibylle Hamann

Eine 23jährige lag in Aspern an der Zaya auf einem Feldweg. Mit Benzin übergossen und verbrannt. Im Wald bei Völkermarkt lag eine, sie wurde erschossen, ehe der Täter sie abfackelte. Die 24jährige in Hohenruppersdorf hatte man mit mehreren Hieben auf den Kopf niedergestreckt und angezündet. Und jetzt lag wieder eine im Kukuruzfeld. Bei Nickelsdorf. Fast nackt. Schwere Kopfverletzungen. Brandbeschleuniger. Ein Halskettchen mit einem Delfinanhänger ist noch da.

Wie gleichgültig ist uns das eigentlich? Anders gefragt: Wie groß wäre die Aufregung, ginge ein Serienmörder um, der sich Postbeamte, Heurigenwirte oder Manager als Opfer aussuchte?

Das wäre etwas völlig anderes. Weil die ermordeten Frauen keine Österreicherinnen waren? Weil sie wahrscheinlich als Prostituierte arbeiteten? Weil am Straßenstrich Gefahr und Gewalt quasi dazugehören? Kann man nicht ändern, ist halt so?

In Schweden sagt man: Den Körper einer Person gegen Entgelt zu mieten und zu benützen, als sei er ein Gegenstand, ist eine Verletzung der Menschenwürde. Deswegen gibt es dort ein Gesetz, das die Freier (nicht die Prostituierten!) mit Geld- und Gefängnisstrafen bedroht.

Es gibt gute, vernüftige Gründe, diesen Weg der Verbote nicht zu gehen. Doch eine Gesellschaft, die Prostitution erlaubt, muss umso mehr drauf achten, dass diese unter menschenwürdigen, selbstbestimmten Bedingungen stattfindet; ohne Ausbeutung, ohne Zwang und ohne Gewalt.

Genau hier versagt Österreich allerdings, und das hat viel mit Doppelmoral zu tun. Wir haben eine Gesetzeslage, die Prostitution besteuert, aber gleichzeitig „sittenwidrig“ nennt. Die Asylwerberinnen erlaubt, sich zu prostituieren – ihnen aber jede andere Arbeit verbietet. Was dazu führt, dass die Allerschwächsten, die Erpressbarsten auf der Straße stehen. Das ist pervers.

Wer meint, Prostitution sei „ganz normal“, muss dafür sorgen, dass es „normale“, sichere Arbeitsplätze dafür gibt; Zimmer oder Verrichtungsboxen, mit Registrierung der Kunden, Bewachung oder zumindest einem Notfallknopf. Für eine Arbeit „wie jede andere“ muss es Mindesttarife geben, und die Möglichkeit, ein strittiges Honorar auch einzuklagen. Wer will, dass sexuelle Dienstleistungen als selbstverständliches Angebot zur Verfügung stehen, muss ihnen in der Mitte der Gesellschaft Platz machen. Im eigenen Wohngebiet. Ja, auch auf dem Schulweg der eigenen Kinder. Denn was man für „ganz normal“ hält, wird man auch Kindern irgendwie erklären können müssen.

Die Frauen stattdessen hinauszudrängen an den Rand, an windige Ausfallstraßen, in Parks und unbewohnte Straßenzüge; dorthin, wo keiner zuschaut, keiner zuständig ist und keiner zu Hilfe kommt, wenn eine schreit – das ist unverantwortlich und feig.

Hätten die ermordeten Frauen nicht auf finsteren Straßen in unbekannte Autos einsteigen müssen – wahrscheinlich lebten sie noch.

 

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