Es ist gar nicht mehr so leicht, „das Böse“ zu identifizieren und zu ächten

Der Trichter ist also drauf. Angeblich sitzt er fest. Sagen die Ingenieure, eher leise, denn ganz trauen sie der Sache offenbar selbst noch nicht ganz. Wie sollten sie auch. Hat ja noch nie einer gemacht, so etwas. Kann ja keiner wissen, was da genau passiert. Und wie es am Ende ausgeht.

Der Trichter ist also drauf, nach 89 Tagen, in denen das Öl gesprudelt ist wie wild, und es hätte in diesen 89 Tagen jede Menge Gründe gegeben, dass sich der Volkszorn entlädt. Immerhin hat im Golf von Mexiko ein Privatunternehmen, aus purem Profitinteresse, Naturressourcen zerstört, die der Allgemeinheit gehören. Hier ein böser Konzern samt gieriger Aktionäre, dort die toten Fische, die verklebten Pelikane und die beraubte, ohnmächtige Bevölkerung: So einfach wäre es vor ein paar Jahren noch gewesen.

So einfach ist es aber offenbar nicht mehr.

Wer sich fragt, warum in diesen 89 Tagen keine globale, wütende, vernichtende Boykottbewegung gegen BP zustande gekommen ist; wer sich fragt, warum wir mit den überforderten Tiefsee-Ingenieuren in den letzten Wochen eher mitgezittert haben als sie zu hassen, kommt auf eine interessante Spur: Wahrscheinlich hängen wir schon zu sehr mit drin. „Das Böse“ ist uns viel zu nahe gerückt, um es überhaupt noch klar identifizieren und bekämpfen zu können.

Ein paar Indizien dazu: Barack Obama hat sich zwar redlich bemüht, BP „British Petroleum“ zu nennen und die Schuld am Desaster geographisch in London zu verorten. Aber so richtig abgenommen hat ihm das keiner. Wir wissen längst, dass das sprudelnde Öl kein britisches Öl ist. Die Bohrinsel haben Koreaner gebaut, die Steuern überweist BP an das Eidgenössische Finanzdepartement in Bern. Britisch? Ist da gar nichts mehr.

Auch „privat“ heißt nicht mehr dasselbe wie einst, als die Aktionäre auf ihren Segelyachten noch unter sich waren. Wie viele BP-Aktien sind denn drin, in meinem Vorsorgefonds, meiner Pensionskasse, im Tilgungsträger für meinen Wohnungskredit? Gier war nicht das einzige Motiv, Anteile von Energieunternehmen zu erwerben. Man konnte es auch aus Verantwortungsbewusstsein tun. Mehrere ethische Anlagefonds hatten BP in ihrem Portfolio, weil der Konzern die Forschung zum Thema Klimawandel unterstützte. Einige dieser Fonds hielten die Anteile auch nach der Katastrophe. Weil man gerade im Krisenfall drin bleiben muss – um beeinflussen zu können, wie mit der Krise umgegangen wird.

Nicht einmal Schadenfreude funktioniert mehr so richtig. Es mag BP schon Recht geschehen, wenn es die Hälfte seines Börsenwerts verloren hat. Aber was haben wir davon? Und wem genau wird es nützen? Je billiger die Aktien, desto besser für die Saudis oder die staatlich-chinesische Ölgesellschaft, die alles nur liebend gern aufkauft.

Wie Peking wohl mit den Schadenersatzforderungen der Krabbenfischer im Mississippi-Delta umgeht? Und mit den verklebten Flügeln der Pelikane?

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