Was der erste Frauenbericht seit 15 Jahren über Österreich verrät

Ein Bericht für die „Emma“

Es hat, wie das allermeiste in Österreich, immer mit dem Widerspruch zwischen Schein und Sein zu tun. Wenn die Frauenministerin mit Pomp und Trara ihren Frauenbericht präsentiert, eine umfassende Datensammlung samt Analyse auf 550 Hochglanzseiten, dann steht mit dem Steinsaal der Hofburg einer der prächtigsten Repräsentationsräume zur Verfügung, die das Land zu bieten hat. Bei der Qualität des Buffets und beim Wein wird nicht gespart. Und alle, alle haben sich schön angezogen und sind gekommen: Minister und Ministerinnen, aktuelle und ehemalige, Oppositionspolitikerinnen und jene Vertreter der Sozialpartner, die hierzulande die Titel „Präsident“ und „Präsidentin“ tragen – was angesichts ihrer Allmacht nicht ganz unpassend ist.

Wer sich in diesem Saal umschaut, muss den Eindruck bekommen, Österreich sei ein feministisches Land, und Frauenpolitik habe alleroberste Regierungspriorität. Aber man muss in den 550-Seiten-Wälzer, der am Ausgang verteilt wird, nur ein bisschen hineinlesen, um festzustellen: Das ist leider ein Irrtum.

Gabriele Heinisch-Hosek, seit zwei Jahren Frauenministerin, bringt diesen Widerspruch auf den Punkt: „Die Männer reden wie Paradefeministen, handeln aber wie Alltagsmachos“, sagt sie, mit der ihr eigenen Mischung aus verbindlichem Lächeln und strenger Körpersprache, in Richtung Ehrengäste.

Genau das steht dann auch drin, in ihrem Frauenbericht.

In kurzen Worten kann man das vergangene Jahrzehnt aus Sicht der Österreicherinnen so zusammenfassen: In den Köpfen hat sich alles verändert, im Alltag so gut wie gar nichts.

Was Bildung betrifft, haben Frauen die Männer längst überholt; nicht nur bei den Abiturientenzahlen, sondern bei den Hochschulabschlüssen. Umso frappanter ist, dass sich dieser rasante Aufholprozess in den Einkommensstatistiken überhaupt nicht niederschlägt. Im Gegenteil: Der Gender Pay Gap liegt, ähnlich wie in Deutschland, stabil bei 25,5 Prozent, und es zeigen sich keinerlei Anzeichen, dass er sich schließt.

Das hat mit einem zweiten auffallenden Widerspruch zu tun: Die Frauenerwerbsquote ist zwar hoch wie nie – mit 68,6% Prozent eine der höchsten in Europa. Zum Großteil ist dieser Zuwachs jedoch auf Teilzeitstellen zurückzuführen. 41,5% aller Österreicherinnen arbeiten inzwischen Teilzeit.

Im Prinzip wäre das nichts Schlimmes – wäre Teilzeit in der spezifisch österreichischen Ausprägung nicht von vornherein als Sackgasse definiert. Es gibt hier kaum Aufstiegschancen, und sogar, im Vergleich zu Vollzeitstellen, deutlich niedrigere Stundenlöhne. Zweitens fällt der eklatante Unterschied zwischen Frauen und Männern auf – deren Teilzeitquote bleibt nämlich, mit 8,1%, marginal. Das verrät, wie stark die Vereinbarkeit von Familie und Beruf immer noch als „Frauenfrage“ definiert wird.

In den Köpfen ist zwar längst anders: 63 Prozent der Männer sind theoretisch bereit, ihre Berufstätigkeit für die Kinderbetreuung zu unterbrechen. Tatsächlich tun es dann jedoch nur 5 Prozent. Was meistens zerknirscht mit dem höhreren Männerinkommen in der Beziehung erklärt wird – also wiederum mit dem erwähnten Gender Pay Gap.

In Österreich ist die Kluft zwischen jenen, die extrem viel, und jenen, die extrem wenig arbeiten, noch starker ausgeprägt als anderwo. Das veranschaulicht ein Sonderkapitel des Berichts über „Frauen im ländlichen Raum“. Mit 45,4 Arbeitsstunden in der Woche liegen österreichische Männer an der europäischen Spitze, ein Viertel leisten noch Überstunden. Dazu kommen, weil es ein Land der Pendler ist, sehr lange Wege zur Arbeit.

Auf Frauen in strukturschwachen ländlichen Regionen hat das fatale Auswirkungen. Wenn der Mann um fünf Uhr morgens aufsteht, das Auto zur Arbeit mitnimmt und für alle häuslichen Pflichten vollkommen ausfällt, wird der Aktionsradius von Frauen, räumlich und zeitlich, extrem eingeschränkt. Wegen ihrer Betreuungspflichten bleibt ihnen bloß schlcht bezahlte geringfügige Beschäftigung in den Kleinbetrieben der unmittelbaren Umgebung.

Was durch den eklatanten Mangel an Kleinkinderbetreuung, Ganztagsschulen und öffentlichen Pflegediensten – im Frauenbericht ebenfalls dokumentiert – noch verschärft wird.

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