Über Frida Kahlo. Fürs „Standard“-Rondo.

Wer sich vier, fünf, sechs Stunden lang in der prallen Sonne die Füße in den Bauch steht, um in ein Museum eingelassen zu werden, weiß, was Leiden heißt; Leiden unter gezähmten, modernen Bedingungen. Es muss etwas mit Leidenschaft zu tun haben und irgendeine Art von Befriedigung bringen. Anders wäre es nicht zu erklären, dass in Berlin eben 250.000 Menschen ebendieses Leiden auf sich genommen haben, um Eintrittskarten für die große Frida-Kahlo-Werksschau zu ergattern.

Demnächst kommt diese Ausstellung nach Wien. Vielleicht lichtet sich hier das Mysterium: Was ist an der kollektiven Kahlo-Extase bloß dran? Was nährt sie, was treibt sie an?

Mit Politik kann es nicht viel zu tun haben. Weder der Trotzkismus (Leo Trotzki war vorübergehend Kahlos Liebhaber) noch die mexikanische Staatspartei der institutionalisierten Revolution könnten heute Extasen befeuern. Sogar um die Zapatisten und ihren poetischen Subcomantante Marcos, die vor fünfzehn Jahren noch ein bisschen Revolutionsromantik verbreiten konnten, ist es still geworden.

Und Kahlos Malerei? Plakativ, realistisch, vielfarbig ist sie. Öl auf Leinwand. Gerüschte Röcke, pochende Herzen, Blut, Folklore, Tiere, Symbole. Sehr klassisch, eigentlich. Nein, die Kunst allein kann es auch nicht sein.

Die Kahlo-Extase muss mit dem Menschen Frida Kahlo zu tun haben, genauer: mit der Frau Frida Kahlo. In ihrem Leben, das von ihren Bildern nicht zu trennen ist, muss es etwas geben, in dem sich spontan viele, viele Menschen wiedererkennen. Etwas, das Nähe erzeugt. Etwas, das mit weiblicher Identität zu tun hat?

Ein Blick auf die Berliner Museumsschlangen bestätigte diese Vermutung. Sehr viele Frauen standen da, vergleichsweise wenige Männer. Umso heftiger und emotionaler war bei diesen manchmal die Abwehr. In der linksalternativen taz schilderte ein Kritiker sein köperliches Unbehagen, das ihn in Frida Kahlos Nähe befällt: „Ein Besuch der Ausstellung kam nicht in Frage. Ich fühlte mich von der verschnürten Dame auch zu Hause schon zu sehr eingeengt. Kaum hat man einmal gute Laune, schon blickt sie einen finster und strafend an.“ Überhaupt, dieser Blick, mit den düsteren Augenbrauen, die an Kondorschwingen erinnern: „Hat sie denn kein Geld für einen Hut gehabt, den sie sanft über die Stirn hätte rutschen lassen können?“

Womit wir wohl schon ziemlich nah am Kern der männlichen Kränkung sind. Was erlaubt sich diese Person eigentlich, uns den Anblick ihrer Krankheiten, ihrer Ängste aufzudrängen? So unzweideutig, so unbehübscht, so unverhüllt? Kann man doch alles kaschieren heutzutage, wegmachen lassen, therapieren. Die offensiv zur Schau gestellte Haut wird als Zumutung empfunden. Wenn sie keine glatte, nackte – sondern eine raue, behaarte, verletzte, vernarbte ist.

Genau an dieser Stelle liegt wahrscheinlich, spiegelbildlich, das Faszinosum aus Frauensicht. Der Grund, warum Frida Kahlo so oft reflexartige Soldaritätsbekundungen auslöst, und warum ihre Bildkalender – seit Jahrzehnten, auf allen Kontinenten – in so vielen Frauen-WGs hängen.

Frida war 15 Jahre alt, als sie an Polio erkrankte, ihr rechtes Bein war seither verkrüppelt. Als sie 18 war, krachte der Bus, der sie zur Schule bringen sollte, gegen einen Betonpfeiler. Der Unfall brach ihr Rückgrat, zerschmetterte ihren Fuß, eine Eisenstange bohrte sich durch Becken und Unterleib. Dreißig Operationen folgten, Frida litt ihr Leben lang starke Schmerzen, die sie oft Monate lang ins Bett zwangen.

Sie litt, aber sie litt nicht still. Sie dokumentierte, analysierte und malte ihren Schmerz. Kehrte ihr Innerstes nach außen, stellte sich radikal in den Mittelpunkt, und schämte sich nicht dafür. „Ich male mich selbst, weil ich so oft allein bin und weil ich das Thema bin, bei dem ich mich am besten auskenne“, sagte sie. 55 ihrer 143 Bilder sind Selbstportraits.

Zu den körperlichen kamen noch die Liebesschmerzen. Die quälerische Lebensbeziehung zu dem Revolutionsmaler Diego Rivera, Ehe, Scheidung, zweite Ehe. Fehlgeburten, Affären mit Männern und Frauen; Eifersucht, Verlustängste, Selbstmitleid, das übliche Programm. Auch all das steckte Frida Kahlo nicht still weg, wie es sich damals üblicherweise gehörte, sonden schrie es in bunten Farben in die Welt hinaus.

So viel Ich-Bezogenheit wird Frauen selten zugestanden, seien sie Künstlerinnen, Sekretärinnen oder Verkäuferinnen. Erst recht provokant wird es, wenn dieses Leiden zur Quelle von Kreativität wird, zur Initialzündung für eine künsterlische Laufbahn, schließlich sogar zu einer materiellen Existenzgrundlage. Wenn der Schmerz, der einem zugefügt wurde, nicht lähmt, sondern dabei hilft, sich aus Konventionen zu befreien.

Radikal zu Ende gedacht, ist das nicht nur unerhört, sondern auch unerhört feministisch.

„Es bleibt ein Rätsel: So viel Begeisterung für Kahlos Seelenkitsch und so wenig Interesse für die großartigen Werke der Gemäldegalerie um die Ecke!“ seufzte der Kunstkritiker der konservativen Tageszeitung „Die Welt“.

Nein, ein Rätsel ist es eigentlich nicht mehr.

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.