Über Schmalspurbahnen und Autobusse, über Tito und Erwin Pröll

Sibylle Hamann

Vergangener Samstag war ein Festtag im ostbosnischen Städtchen Višegrad. Die Sonne schien, und nach über dreißig Jahren fuhr erstmals wieder eine Dampflok in den Bahnhof ein. Tausende Menschen waren da, die älteren hatten Tränen in den Augen. Er hätte nie gedacht, dass er in Višegrad je wieder einen Zug sehen werde, sagte der ehemalige Bahnhofsvorstand.

Die Bahnstrecke gehörte zu einem riesigen Schmalspurbahn-Netz, das die österreichischen Besatzer Anfang des 20. Jahrhunderts quer durch Bosnien und die Herzegowina bauten, von der Adriaküste bei Dubrovnik über Sarajevo bis an die serbische Grenze. Später fuhr die Bahn sogar bis Belgrad. In den 1970er Jahren jedoch war Schluss. Das fortschrittsgläubige Jugoslawien wollte keine Bummelbahn mehr. Autobusse waren super, Autobusse waren modern, Tito ließ das gesamte Netz stilllegen und ersetze es durch Buslinien.

Dass das ein Fehler war, hätten die Machthaber bald erkennen können – hätten sie den Menschen zugehört. Die nannten die Schmalspurbahn «Ćiro» und sangen noch Lieder über sie, als es sie längst nicht mehr gab. Als hunderttausende Serben gegen Slobodan Milošević protestierten, sangen sie: «Ćiro, Ćiro, tschu, tschu, tschu, nimm doch bitte den Diktator und seine Familie mit, und bring ihn nie wieder!“

Dann war Milosevic tatsächlich weg. Das Land war wirtschaftlich bankrott, von Krieg und Kriegsverbrechen gezeichnet. Trotzdem fand man die Kraft, die spektakuläre Bergstrecke über das Šargan-Gebirge wieder aufzubauen, samt unzähligen Brücken und Tunnels. 2003 fuhr der erste Zug über den «serbischen Semmering». Emir Kusturica drehte an der Strecke seinen Film «Das Leben ist ein Wunder», baute ein Touristendorf, und der Bahnhof, der als Filmkulisse diente, ist heute ein echter Bahnhof, an dem zehntausende Urlauber ankommen.

Die Idee, eine bitterarme Regionen mit Tourismus zu beleben, ging auf. Was auf der serbischen Seite funktionierte, soll durch Ciros Verlängerung nach Višegrad jetzt auch Ostbosnien den Aufschwung bringen. Man kann sagen: Sogar in ein einem von Korruption und Misswirtschaft gelähmten Land sind gewagte Projekte möglich, die identitätsstiftend und profitabel sind.

Im niederösterreichischen Ybbstal hingegen fahren in diesen Tagen die letzten Züge der Schmalspurbahn. Auch im Mostviertel, in der touristisch wichtigen Wachau, im Weinviertel und im Voralpenland werden Bahnen eingestellt, die Schienen vermutlich bald abgetragen. 630 Schienenkilometer hat das Land Niederösterreich eben von den ÖBB übernommen, auf bloß 90 davon sollen weiterhin Züge fahren. Erwin Pröll ersetzt sie durch ein «modernes Buskonzept».

Autobusse sind super, Autobusse sind modern: In Niederösterreich heißt das heute «neue Wege» und «hohes Niveau des öffentlichen Nahverkehrs». Im Jugoslawien der 70er Jahre, unter Tito, hätte man das gut verstanden.

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