Naturkatastrophen legen die Schwachstellen einer Gesellschaft frei

Sibylle Hamann

Wenn die Erde gebebt, der Wald Feuer gefangen, der Fluss über die Ufer getreten ist – dann gibt es immer auch einen Augenblick der Wahrheit. Die Regeln, nach denen der Alltag im Normalfall funktioniert, sind außer Kraft gesetzt. Not, Angst, Chaos und Panik wischen die Konventionen weg. Und darunter kommt Elementares zum Vorschein.

Man kann sagen: Wenn die Erde gebebt, der Wald Feuer gefangen, der Fluss über die Ufer getreten ist, verrät sich Grundsätzliches darüber, wie eine Gesellschaft funktioniert, und wo ihre Schwachstellen liegen.

1995 zum Beispiel bebte in der japanischen Metropolenregion Osaka-Kobe-Kioto die Erde, Stelzenautobahnen und Gebäude stürzten ein, es brannte. Tagelang standen Soldaten, Polizisten und Freiwillige herum, warteten auf Befehle – und taten nichts. Tausende Menschen kostete diese kollektive Lähmung das Leben. In schmerzhafter Selbsterforschung suchte Japan anschließend die Ursachen und lernte dabei viel über sich selbst: Wie schwer es dem einzelnen fällt, Verantwortung zu übernehmen, ohne sich nach allen Seiten abzusichern. Weil Eigeninitiative in der japanischen Gesellschaft traditionell nicht als mutig, sondern als rücksichtlos geächtet wird.

In Russland haben die verheerenden Wald- und Torfbrände nun eher Gegenteiliges freigelegt: Die völlige Abwesenheit von Rücksicht und Regeln, die das Gemeinwesen im Blick haben. Seit Generationen haben die Russen gelernt, dass es eine Obrigkeit gibt, die zwar allmächtig ist – aber sich im Detail um nichts kümmert. Dass man selber schauen muss, wie man zurechtkommt, notfalls per Ellbogencheck gegen den Nachbarn. „Dienst an der Allgemeinheit“ war stets von oben angeordnet und mit Zwang durchgesetzt, sei es der Frondienst für den Feudalherrn oder das Marschieren für die Kommunisten. Freiwilligkeit hingegen wurde den Russen systematisch ausgetrieben, jede Selbstorganisation misstrauisch beäugt und bestraft. Eine Freiwillige Feuerwehr kann unter solchen Umständen ebensowenig entstehen wie kollektives Umweltbewusstsein.

In Pakistan wiederum, wo Millionen Menschen nach der Flut ihre gesamte Existenz verloren haben, kommt eine politisch brisante Wahrheit zum Vorschein, die sich früher schon in der Türkei oder in Ägypten gezeigt hat: Die einzigen Helfer, auf die sich die Menschen in akuter Not verlassen können, sind die Islamisten. Die Macht in Pakistan gehört – wie in fast allen mehrheitlich muslimischen Staaten – einer korrupten, abgehobenen, dem Volk fernen Elite, die nicht einmal mitkriegt, wenn ihr Volk Hilfe braucht. Islamistische Organisationen hingegen sind sofort vor Ort, haben ein engmaschiges Netz von Freiwilligen, und sind die einzigen, denen man zutraut, nicht zum eigenen materiellen Vorteil zu handeln.

Was wir über Österreich lernen würden? Das wissen wir erst, wenn was passiert.

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