Wer ist „der Türke“? Und wie ist er? Vielleicht ist er ganz anders?

Sibylle Hamann

Zwei Wochen lang werden wir jetzt schon dauerbeschallt. Von Menschen, die alles ganz genau wissen. Von Menschen, deren Urteile gefällt sind, ehe sie überhaupt schauen, worüber sie urteilen. Von Menschen, deren Stimme sich überschlägt, weil „jetzt endlich Klartext gesprochen wird.“

Nach zwei Wochen kann ich nur noch ermattet sagen: Ich würde das Endlos-Tonband gern anhalten.

Eh nicht für immer. Eh nur für ein paar Tage. Aber es wäre fein, wenn in der Pause, während die Kulturkämpfer kurz still sind, einmal all jene zu Wort kämen, für die gar nichts von vornherein klar ist. Weil sie dazwischen sind.

Jene zum Beispiel, die anders ausschauen als es das Klischee über „Ausländer“ und „Einheimische“ verlangt, und deswegen andere Alltagserfahrungen machen als die ihnen zugedachten. Die waschechte Burgenländerin mit dem olivfarbenen Teint, von der alle zwei Tage verlangt wird, sich vom islamistischen Terror zu distanzieren. Die rothaarige Pakistanerin, der eilfertig versichert wird, in der Schule ihres Sohnes gebe es „zum Glück eh kaum Ausländerkinder“. Lassen wir Adoptivkinder reden, die sehr anders ausschauen als ihre Eltern, und die bei der allgegenwärtigen Frage „woher kommst du denn? woher kannst du so gut deutsch? und wann fährst du wieder heim?“ nur noch die Augen verdrehen.

Hören wir Atheisten oder ganz normalen Ungläubigen zu, die den iranischen Mullahs davongelaufen sind, um neuerdings jeden Tag „Muslime“ genannt zu werden. Und Gläubigen, denen ihre jeweils eigenen religiösen Autoritäten mächtig auf die Nerven gehen. Der Physikerin, die es leid ist, wie eine Analphebetin angesprochen zu werden, bloß weil sie ein Kopftuch trägt.

Wir könnten dabei eine andere Analphabetin übersehen, bloß weil sie ein bauchfreies T-Shirt anhat. Und die Oma im langen Mantel, die wir mitleidig anschauen, weil wir sie taxfrei als unterdrückt und misshandelt abstempeln, ist womöglich eine resolute Sozialarbeiterin, die misshandelten Frauen hilft, von Gewalttätern loszukommmen.

Überhaupt: Lassen wir Menschen reden, die mit ihrer Herkunft hadern, sich an Traditionen abarbeiten, die Fremdheitserfahrungen gemacht haben. Die haben meistens die spannendsten Geschichten zu erzählen. Homosexuelle zum Beispiel, die ihre Neigung offen leben und deswegen von ihren konservativen Familien geschnitten werden. Traditionelle Volkslieder singen sie vielleicht trotzdem gern.

Oder, umgekehrt: Lassen wir jene reden, die nie vorhatten, an fremden Sitten und Gebräuchen anzustreifen, bevor die Liebe zu einem „Fremden“ sie traf wie ein Blitz. Und sich viele gewohnte Gewissheiten plötzlich in Neugier verwandelte.

In dieser kurzen Pause werden die Worte „die Moslems“, „die Ausländer“ und „die Türken“ für einen Moment verschwimmen. Das wird wohltuend sein. Dann können die Kulturkämpfer wieder weiterstreiten. Danke.

 

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