Wer Krieg und Hunger überwinden will, muss die Frauen befreien. Also raus aus dem Sofa!

Im 18. Jahrhundert fuhren Sklavenschiffe über den Atlantik, um stetig Nachschub an frischen Arbeitskräften von Afrika nach Amerika zu schaffen. Das galt damals als normal. Und es gab dafür ein komplexes, stabiles System aus logisch klingenden Rechtfertigungen: Afrikaner seien halt anders als Menschen europäischer Abstammung, sie hätten andere körperliche und intellektuelle Bedürfnisse. Dass die einen Menschen andere Menschen besitzen, sei eine naturgegebene Konstante, seit der Antike. Und irgendwer muss die harte Arbeit auf den Plantagen ja schließlich erledigen, oder?

Dann kamen ein paar Romantiker, „Gutmenschen“ würde man sie heute nennen, denen die Sklaverei moralisch gegen den Strich ging. Abolitionisten wurden sie genannt. Anfangs hielt man sie für weltfremd. Warum sollte ausgerechnet Großbritannien, das so gut am Sklaven-Zwischenhandel profitierte, auf das Geschäft verzichten? Zumal die „Neger“ doch bloß eine Randgruppe seien, politisch und kulturell irrelevant, machtlos.

Dennoch gewann die Abolitionsbewegung an Fahrt. Ihren Siegeszug verdankte sie am Ende einer Erkenntnis, die, sobald sie einmal Wurzeln geschlagen hat, nicht mehr rückgängig zu machen ist: Dass Menschenrechte unteilbar sind. Und dass eine Gesellschaft, die Menschenrechte systematisch verletzt, weder demokratisch sein kann, noch dauerhaft erfolgreich.

Nicholas D. Kristof und Sheryl WuDunn haben diese Geschichte stets im Hinterkopf, wenn sie eine neue soziale Bewegung beschreiben, die sie für mindestens ebenso umwälzend halten wie die Abschaffung der Sklaverei: Die globale Befreiung der Frauen.

Die beiden Autoren sind ambitionierte, erfahrene Reporter im Dienst der „New York Times“. Ihre erste prägende Zeit hatten sie in China, während der Studentenbewegung und der Niederschlagung der demokratischen Revolution. In den folgenden Jahren waren sie auf allen Kontinenten unterwegs – im vom Völkermord verwüsteten Ruanda, in Chaos-Staaten wie Somalia, in den Kriegswirren Afghanistans ebenso wie in diversen lateinamerikanischen Wirtschaftskrisen.

Selbstverständlich nahmen sie von überall auch Geschichten über Frauen mit. Mal ging es um Prostituierte, die gegen ihren Willen in Bordelle verschleppt werden, mal um Genitalverstümmelung, mal um Ehren- oder Mitgiftmorde. Aber es dauerte eine Weile, bis sich diese Einzelteile zu einem weltumspannenden Panorama fügten, und einer Erkenntnis: Das sind keine tragischen Einzelfälle, sondern hängt alles zusammen. Das hat System.

„Das Buch war eine eigene Reise des Erwachsens“, schreiben die Autoren. Und wir begleiten sie dabei, wie ihnen klar wird: Die Entrechtung, Ausbeutung und Marginalisierung von Frauen ist keine Fußnote, die sich nebenbei abhandeln lässt, wenn nach den „wichtigen Fragen“ noch ein bisserl Zeit übrig bleibt. Sie steht in direktem Zusammenhang mit Krieg, Hunger und Armut. Und auf die Frauen und ihr bisher ungenutztes Potential zu setzen, ist der beste Weg, um Entwicklung in die Gänge zu kriegen.

Deswegen erzählen sie, detailliert, prägnant, mit Gefühl, und stets auch mit Gefühl für die Pointe: Von Mukhtar Mai in Pakistan, die eine öffentlich sanktionierte Vergewaltigung nicht hinnehmen wollte und sich an die Spitze einer Bürgerrechtsbewegung stellte. Oder von der streitbaren Ärztin Edna Adan, die sich dem Ziel verschrieben hat, dass keine Somalierin mehr bei der Entbindung sterben muss.

Sie führen den ostasiatischen Wirtschaftsboom darauf zurück, dass in den Fabriken endlich die riesigen brachliegenden Ressourcen der Mädchen vom Land genutzt werden konnten. Sie vergleichen das darniederliegende Pakistan mit dem einst noch hoffnungsloseren Bangladesch, das gezielt in Mädchenbildung und Mikrokredite investierte und heute wesentlich besser dasteht. Sie zeichnen nach, wie politischer Extremismus und patriarchale Rigidität zusammenhängen: „Was die Mädchen stark macht, schwächt die Terroristen.“

Und sie erinnern daran, dass Gewalt gegen Frauen nicht nur eine private Dimension hat, sondern auch eine öffentliche. Verschleppungen, Zwangsverheiratungen, Säureattacken dienen sehr oft zur Einschüchterung. Sie warnen Frauen, die mit dem Gedanken spielen, ihre zugewiesene Rolle zu sprengen und sich mehr herauszunehmen, als ihnen zusteht.

Man kann sehr zornig werden, wenn man das alles liest. Man möchte sofort vom Sofa aufspringen, um die Welt zu ändern. Das gab es schon länger nicht mehr. Und ist wohl eines der größten Komplimente, das man Sachbuchautoren machen kann.

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