Sofi Oksanen schaut nur so aus, als wollte sie provozieren. Sie will aufklären. Und das gelingt ihr auch.

Portrait: Sibylle Hamann

Diese Frau ist ein Punk. Oder ein Goth? Ältere Menschen erinnert ihr Outfit an Nina Hagen in ihren besten Jahren, jüngere denken wahrscheinlich eher an Lady Gaga. Den tiefdunklen Lippenstift jedenfalls verwendet sie in ähnlich dicken Schichten, und hinten am Kopf sind etwa ein Kilo Rastalocken befestigt, mit knallbunten Strähnen drin. Sie raucht und hustet abwechselnd, in störrischer Konsequenz.

Aber wer es sich allzu einfach machen und vom Outfit auf die Persönlichkeit schließen will, ist bei dieser Finnin an der falschen Adresse. Sofi Oksanen ist gar nicht so.

Sofi Oksanen ist ganz anders. Das ahnt man, wenn man in ihren jüngsten, rasanten Roman hineinliest. „Fegefeuer“ heißt der, und trägt einen sofort davon. In Skandinavien hat das Buch sämtliche Literaturpreise abgeräumt und war ein Bestseller. Eben auf deutsch übersetzt, wurde es auch hierzulande hymnisch gefeiert (Rezension in Falter xx), in New York kommt demnächst eine Theaterversion auf die Bühne.

Ein glatter, durchschlagender Erfolg auf der ganzen Linie, könnte man zu dieser Geschichte sagen. A superstar is born. Aber wie geht sich das aus, bei einer derart sperrigen Person? Noch dazu, wo diese sperrige Person derart sperrige Anliegen hat?

Um die zeitgeschichtliche Wahrheit geht es Oksanen, um Menschenrechte, um Feminismus, um Identität, und sie spricht all diese Worte völlig ironiefrei aus. Über Stalin hat sie geschrieben, über die sowjetische Okkupation Estlands, über Frauenhandel und Zwangsprostitution. Sie entwirft historische Panoramen; sie springt mit souveräner Detailkenntnis durch drei Jahrhunderte, als sei sie in jedem einzelnen dabeigewesen. Und ist doch gerade einmal 33 Jahre alt.

Jetzt sitzt sie auf der Bühne im Wiener Rabenhof, zieht misstrauisch eine expressiv schwarzgemalte Augenbraue hoch, und wehrt sich gegen den Vorwurf, „noch verdammt jung“ zu sein. „Jung, was soll das heißen?“ schnauzt sie, und da ist nicht der leiseste Hauch von Koketterie zu spüren. „Mittelalt bin ich. Alt genug jedenfalls.“

Spätestens jetzt weiß man: Diese Frau will gar nicht spielen. Es ist ihr ernst.

Sofi Oksanen interessiert sich für Macht. Sie will wissen, wie sich Herrschaftsverhältnisse auf die privaten Beziehungen auswirken; was sie mit Liebe, Neid und Gewalt zu tun haben. Sie schaut ganz genau hin, um zu verstehen, was in Zeiten politischer Umbrüche passiert: Wie Opfer zu Tätern werden, und umgekehrt. An welchen Gesten man ablesen kann, wer gewinnen und wer verlieren wird. „Es gibt eine Sorte Menschen, die immer ober landen“, sagt sie. „Das sind die Opportunisten.“ Historisch betrachtet, waren sie meistens Männer und trugen schwarze Stiefel. Heute fahren sie dicke schwarze Autos.

Um zu recherchieren, verbringt Oksanen viele Wochen in staubigen Archiven. Etwa, um die Spitzelakten des sowjetischen Inlandsgeheimdienstes NKWD zu durchforsten. „Erst als ich mich auf die Sprache in diesen Akten eingelassen habe, auf den Tonfall, in dem Menschen zu Dingen gemacht werden, habe ich verstehen können, wie das System funktioniert.“

Ähnlich akribisch geht sie vor, um sich vom Alltagsleben an fremden Orten, zu fremden Zeiten ein Bild zu machen, vom „alten“ Estland zum Beispiel. Sie selbst hat noch vage Kindheitserinnerungen an diese Welt. Ihre Großeltern mütterlicherseits wohnten in einem kleinen Dorf im Westen Estlands, es war militärisches Sperrgebiet, das Ausländern sonst nicht zugänglich war. Die Geräusche, die Gerüche aus den Ferien kann sie noch abrufen. Auch ans Marmeladenkochen mit der Oma erinnert sie sich.

Mit Sicherheit kann Oksanen sagen, dass es im Kommunismus wesentlich mehr Fleischfliegen gab als in den Zeiten der estnischen Unabhängigkeit. Für alle anderen Details – übers Melken, Gurkeneinlegen, Deckchensticken – studierte sie mit Hingabe ganze Stapel von Frauenzeitschriften aus vorsowjetischer Zeit.

Denn wer nichts weiß, kann nichts verstehen. „Die Aufgabe von Autoren ist es, neue Dinge herauszufinden und der Welt darüber zu erzählen“, sagt Oksanen. Das klingt altmodisch. Man kann es auch Aufklärung nennen.

Sie selbst verwendet lieber das Wort „Gerechtigkeit“. „Wir müssen genau wissen, was passiert ist, bevor wir halbwegs normal miteinander leben können“, sagt sie. Was den Kommunismus betrifft, ist sie überzeugt, dass noch große Teile der wahren Geschichte fehlen, insbesondere jene aus der Perspektive von Frauen. „Irgendwer muss diese Teile ja erzählen.“

Selbstverständlich ist das nicht allen recht. Aufklärung passt nicht ins Konzept eines neuen Russland, das gern an autoritäre Traditionen des alten Russland anschließt. Auch damit, dass sich Sofi Oksanen „Feministin“ nennt, konsequent und selbstverständlich, macht sie sich Feinde, sogar im aufgeklärten, fortschrittlichen Finnland.

Ja, sie habe gehört, dass sie in online-Foren beschimpft werde, sagt sie, aber sie zuckt nur mit den Achseln. „Daran muss man sich gewöhnen, wenn man öffentlich auftritt. Und daran, dass Frauen wie ich öffentlich auftreten, müssen sich eben die alten Männer gewöhnen.“

In solchen Momenten beneidet man Sofi Oksanen um die Coolness, mit der sie alles an ihr abrinnen lässt. Man beobachtet, um wieviel leichter das fällt, wenn man sich sich vorher verkleidet hat. Und kurz blitzt eine Ahnung auf: Vielleicht ist Sofi Oksanen gar kein Punk.

Vielleicht sitzt hier einfach eine ernsthafte, gebildete, belesene Frau, die sich ihr schrilles Outfit nicht zugelegt hat, um gesehen zu werden, sondern um von sich abzulenken. Damit sie dahinter ihre Ruhe hat. Und Zeit für Wichtigeres.

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