Wie 13 Jahre in Wien das Leben einer polnischen Putzfrau veränderten.

Ein Portrait.

Das ist die Geschichte von Hana. Hana taucht den Wischmop in den Kübel. Lolek, der Cockerspaniel, ist schon wieder dem Gummiball hinterhergejagt, durch die offene Terrassentür, und hat quer durchs Wohnzimmer Tatzenspuren hinterlassen. Hana klemmt eine rotblonde Haarsträhne hinters Ohr und wringt den Wischmop aus, routiniert, wie sie es schon tausende Male gemacht hat, wahrscheinlich sogar zehntausende Male.

Aber diesmal gibt es einen Unterschied: Es ist ihr eigener. Ihr eigener Mop, ihr eigener Kübel. Ihr Hund, ihr Haus.

Das ist die Geschichte von Hana, einer Putzfrau, die fertig ist mit Putzen. Mit 16 ging sie weg von zu Hause, ließ das südpolnische Dorf zurück, die gelben Löwenzahnwiesen, den klaren, weiten Blick auf die hohe Tatra, die Großfamilie mit den zehn Brüdern, und zog nach Wien. Sieben Euro die Stunde nahm sie am Anfang, dann acht, dann neun, dann zehn. Sie war flott, sie war gründlich. Die Kunden vertrauten ihr. Sie schätzten ihre Zuverlässigkeit, ihre Zähigkeit, und dass sie nie zu viele Worte machte.

Als erstes nahm sie sich stets den Herd vor und kratzte die Fettreste aus den Pfannen. Am schlimmsten sind die schicken, riesigen Küchenblocks aus Aluminium, die sich die Leute neuerdings so gern mitten ins Zimmer stellen, sagt Hana – „da schrubbst du zehnmal, dann machst du einen Fingertapser, und schrubbst noch einmal.“ Lieber war ihr stets das Staubwischen: CDs, Bücher, Fensterbretter. Sie faltete muffige Wäsche zu ordentlichen Stapeln, pulte schmierige Haare aus verstopften Abflüssen, beugte sich über Kloschüsseln. „Ganz am Anfang hab ich mir gedacht: Muss ich mich dafür genieren, was ich da mache?“, sagt sie. Sie hat beschlossen: Nein, das muss sie nicht. „Es ist nichts Unrechtes. Es ist ehrliche, nützliche Arbeit.“

Heute ist Hana 29 und wieder in der Hohen Tatra. Das Haus, das keck auf dem Hügel steht, der Weg zur Kirche führt dran vorbei, hat sie sich mit ihren eigenen Händen erputzt. 100.000 Euro stecken drin, das wären arithmetisch 10.000 Putzstunden, oder, auf Basis einer 40-Stunden-Woche, fünf Putzjahre. Weil das Leben in Wien aber auch Geld kostet, weil Hana Miete für eine Zimmer-Küche -Substandard-Wohnung hinterm Westbahnhof bezahlte, weil jeder Mensch etwas essen muss und ab und zu neue Schuhe braucht, weil sie jeden Monat einmal heimfahren wollte, um ihren Freund zu besuchen, und weil ab und zu ein Grippevirus umgeht, wurden es brutto 13 Jahre.

Dann ist es sich ausgegangen, schuldenfrei. Und jetzt hockt Hana vor der Terrassentür, hat den Mop in die Ecke gestellt und krault den jungen Hund hinter den Ohren, dem sie trotz der Tapser nie und nimmer böse sein kann. Gleich wird sie das Frühstück herrichten. Denn die ersten Gäste ihrer drei Fremdenzimmer sind da.

Man könnte Hanas Geschichte als ökonomisches Lehrbeispiel erzählen, wie Arbeitsmigration idealtypisch funktioniert: Eine mittellose Arbeitskraft nützt das Lohngefälle zwischen ihrer strukturschwachen Heimatregion und dem nahen Ausland, erkennt dort einen unbefriedigte Nachfrage nach Dienstleistungen, und nützt die Personenfreizügigkeit. Nach mehreren Jahren illegaler Arbeit in der Fremde hat sie genügend Kapital beisammen, um sich eine ökonomische Existenz aufzubauen, kehrt damit nach Hause zurück und investiert.

Man kann dieselbe Geschichte auch aus Perspektive der Arbeitgeber erzählen. Die moderne Arbeitswelt verlangt vollen Einsatz, von Männern ebenso wie von Frauen, aber die Frage, wer derweil den Geschirrspüler ausräumt und den Mist hinunterträgt, ist nach wie vor unbefriedigend gelöst. Entschärft wird dieser potentielle Konflikt bei allen, die es sich leisten können, am einfachsten, indem sie Hausarbeit auslagern. An eine Fremde delegieren. Man kann das, je nach Empörungstalent, Ausbeutung nennen, oder einfach Arbeitsteilung. Sicher ist bloß: Menschen wie Hana haben schon viele Beziehungen gerettet; und ohne Menschen wie Hana gäbe es viele Familien nicht.

Am seltensten wird die Geschichte aus der Perspektive des Heimatortes erzählt. In Hanas Fall gerät sie dann zu einer familiären Parabel. Der Vater schon arbeitete, als er noch jung und kräftig war, als Tischler in Italien, und kam jedes Jahr bloß nach Hause, um nach dem Rechten zu sehen und der Schar seiner Kinder ein weiteres hinzuzufügen. Hanas zehn Brüder taten es ihm später nach und und suchten in Italien, in Irland, in Deutschland Jobs, ihre Kinder gehen dort zur Schule.

Aber weil sie Goralen sind, einem störrischen, traditionsbewussten Bergvolk angehören, wollten sie sich nicht widerstandslos fortschwemmen lassen von daheim. Die zehn Brüder setzten sich also zusammen und schmiedeten einen Plan: Die einzige Schwester sollte ins Dorf zurückkehren. Sich um die Eltern kümmern, auf den kleinen Acker schauen, und für alle da sein, wenn sie zu den Feiertagen zu Besuch kommen. Dafür würden sie, Zimmerleute allesamt, ihr zur Hochzeit ein Haus zimmern, auf dem Hügel unterhalb der Kirche.

Das war vor vier Jahren, und wären Geschichten immer mit der Hochzeit zu Ende, wäre diese ein würdiger Schlusspunkt gewesen. Die Sonne strahlte. Die Braut hatte Blumen im Haar. Der Bräutigam trug die weiße, bestickte Tracht der Goralen und hatte seinen Schnurrbart mit Wachs gezwirbelt. Musiker ist er, Geiger in einer Band, die für Familienfeste gebucht wird und abends in den Steakhäusern für die Touristen aufspielt. Die Brüder, ebenfalls in Tracht, kamen hoch zu Ross und hielten frühmorgens vor dem Elternhaus Wache, wie es der Brauch verlangt.

Am aufgeregtesten war die Brautmutter. Eine rundliche, kleine Frau ist sie, mit schwieligen, kräftigen Händen, das schüttere Haar trägt sie stets im Nacken zu einem dünnen Kranz geflochten. Ihr Leben lang hat sie angepackt. Täglich für dreizehn Menschen gekocht, geputzt, die Tiere versorgt, den Gemüsegarten, und zusätzlich noch dem Ehemann in der Werkstatt die Bretter und das Werkzeug nachgetragen. Unter der Schürze trägt die Mutter stets ein langes, gekrümmtes Messer mit sich herum. Sie kichert schelmisch, wenn sie es hervorzieht und herzeigt: Irgendetwas zum Schneiden gibt es immer, man weiß ja nie.

Die Hochzeit ihrer einzigen Tochter war ein rauschendes Fest. In der Kirche oben auf dem Hügel läuteten die Glocken, es ist ein moderner Bau, dessen hochaufragende Wände die Form einer Schutzmantelmadonna haben. Nachher gab es fünf Gänge und Schnaps. Im schmucklosen Versammlungssaal der Feuerwehr wurde getanzt und gesungen. Als es hell wurde, klaubte die Mutter dann die Betrunkenen auf, schubste sie forsch auf dem Heimweg, und wischte hier und dort die Kotze auf.

Doch Hanas Geschichte war damit nicht vorbei. „Überraschung!“, hatten die Brüder skandiert, als sie die Brautkutsche vor das neue Haus führten. Was für eine tolle Chance, Schwester!, riefen sie. Jeder, der zur Messe hinaufgeht, muss hier vorbei! Bier und Wurstbrote für die Kirchgänger, Eis für die Kinder, eine Jausenstation: Mit diesem Haus wirst du reich!

In Hanas weit aufgerissenen Augen stand in diesem Moment Freude, gemischt mit Panik. Das Haus war auf den ersten Blick solide, auf den zweiten eine Mogelpackung, eine leere Hülle. Denn schwerer noch als die Arbeit, die die Brüder hineingesteckt hatten, wogen die Verpflichtungen, die sie der Schwester damit aufgeladen hatten.

Zuerst einmal musste sie die offenen Rechnungen bezahlen: Die Miete für die Mischmaschine, die Sand- und Kieslieferung, die Gebühr für den Kanalanschluss. Dann würde sie sich um den Ausbau kümmern müssen, um Zwischenwände und Wasserrohre, um Kamin und Elektroleitungen, um alles bis hin bis zu den Badezimmerarmaturen, und würde gleichzeitig so lange in Wien weiterputzen müssen, bis alles bezahlt war. Vier Jahre sollte das noch dauern.

Und jetzt, heute, wo sie damit endlich fertig ist, folgt der schwierigste Teil ihrer Pflicht: Eine Familie zusammenzuhalten, die längst schon aus den Fugen geraten ist, und eine Idylle zu verteidigen, die es nie gegeben hat.

Das Telefon läutet, das Kreisspital in der Stadt ist am Apparat. Hanas Mutter soll heute entlassen werden. Sie hatte einen Herzinfarkt, anschließend wurde ihr ein dreifacher Bypass gelegt, sie kann von Glück reden, dass sie überhaupt noch lebt. Hana zerbröselt mit den Fingern ein Soletti nach dem anderen, während sie, beinahe flüsternd, die Abholung bespricht. Vor diesem Moment hat sie sich seit Wochen gefürchtet. Im Spital war die Mama nämlich sicher. Aber wie soll sie sie vor dem Vater schützen, wenn sie erst einmal wieder daheim im Dorf ist?

Dem kleinen, sehnigen, schmächtigen Tischlervater sieht man den Gewalttäter nicht an. Aber er hat in jahrzehntelanger Übung gelernt, wie man am effizientesten zuschlägt. Die Mutter hat ihm zwar stets die Bretter und das Werkzeug nachgetragen, aber wenn sie nicht schnell genug war, oder wenn ihn irgendetwas nervte, schlug er zu. Im den letzten Monaten sei es immer schlimmer geworden, erzählt Hana, während sie eine Bierdose knetet, denn die Mutter habe Atemnot gehabt, immer öfter, und immer weniger Kraft, das nervte den Vater immer mehr. „Der Herzinfarkt hat ihr das Leben gerettet“, sagt Hana.

Hana ist schmal wie ihr Vater. Die meisten ihrer Brüder haben die breite Statur der Mutter geerbt. Vier von ihnen sind gerade da, muskulöse, stiernackige Männer sind sie, aber sie zucken zusammen und ziehen den Kopf zwischen die Schultern wie geprügelte Hunde, sobald vom Vater die Rede ist. Hana ist keine, die große Worte macht, aber nach dem dritten Bier am Abend fallen ihr ein paar Szenen von früher ein. Wie der Vater mit der Holzlatte oder mit dem metallenen Maßband ins Kinderzimmer kam. Wie die großen Brüder sich versteckten. Wie sie sich einmal, als es ganz schlimm war, zwischen Vater und Mutter stellte und mit dem Brotmesser fuchtelte

Langsam entfaltet sich über den Löwenzahnwiesen ein zweites, unheimlicheres Panorama: Die Brüder sind nicht nur weggegangen, weil in Irland und in Italien besseres Geld zu verdienen war, sondern weil sie sich fürchteten. Und Hana sollte nicht nur deswegen zurückkommen, weil der Ausblick auf die Tatra so schön ist. Sondern weil sie die einzige ist, die sich gegen den Vater wehren und die Mutter beschützen kann, wenn sie alt und schwach ist.

Und plötzlich bekommt die Hochzeitskirche oben auf dem Berg, samt ihren riesigen Schutzmantelmadonnenflanken, etwas Beklemmendes, Bedrohliches. Heimat ist der Ort, an dem man sich eigentlich geborgen fühlen müsste, aber da kann man sich plötzlich nicht mehr so sicher sein. Die Kirchenglocken läuten, das ganz Dorf strömt hinauf zur Messe, man schaut in frisch rasierte Gesichter, gerötet von der Sonne und vom Alkohol, man sieht die schwieligen Hände. Wieviel Angst wird hier jeden Sonntag heraufgetragen? Und wieviele Lügen?

Vom Kirchenvorplatz aus hat man schließlich das ganze zerfranste Dorf im Blick. Die Straße windet sich schlangengleich über die Hügel. Viele neue Häuser stehen daran aufgereiht, im hölzernen Rustikalstil mit Erkern, die meisten davon unbewohnt, dazwischen viele ewige Baustellen. Hier sind offenbar viele Menschen am Werk, die versprochen haben, zurückzukommen, aber dann doch nicht kommen. Die weggehen, aber es nicht fertigbringen, richtig loszulassen. In der Zwischenzeit beschäftigen sie Nachbarn und Verwandte, und kompensieren ihr schlechtes Gewissen mit einem großzügigen Zubau, einem neuen Dach, einer Garage. Ein, zweimal im Jahr kommen sie zu Besuch und zahlen die Rechnungen. Einer hält immer die Hand auf. Und weil man in solchen Dörfern überzeugt ist, vom Wohlwollen aller anderen abhängig zu sein, legt man immer etwas hinein, bevor man wieder fährt.

Hana hat diese Phase ebenfalls erlebt. Der Vater, der stolze Zimmermann, beschimpfte sie als Hure, als sie putzen ging. Doch als sie mit Putzen aufhören wollte, beschimpfte er sie noch heftiger. Unter Androhung von Prügeln wollte er sie zwingen, noch länger in Wien zu bleiben. Warum? Weil die Arbeit in ihrem Haus, die Türen und Fenster, der Holzboden und die Holzverkleideungen, längst seine einzige Einkommensquelle war. „Er hat das Putzen verachtet, aber auschließlich von mir gelebt“ sagt sie, und klopft verächtlich gegen die Wohnzimmertür, die falsch herum in der Zarge hängt. „Er war teurer als alle anderen Tischler, und schlechter gearbeitet hat er auch.“

Hana hat die Küche schließlich von jemand anderem machen lassen. Es war die ultimative Demütigung des Vaters, der endgültige Bruch. Sie erzählt davon wie von einem hart erkämpften Gipfelsieg. Er konnte es nicht fassen, dass sie es tatsächlich ernst meint. Doch in diesem Moment muss ihm schlagartig klar geworden sein, dass die Hana, die aus Wien zurückkam, eine andere ist, als jene, die einst wegging. Weil sie nicht nur Geld mitbrachte, sondern auch Erfahrungen und Selbstbewusstsein.

Dann fährt der Wagen vor, der die Mutter aus dem Spital bringt. 55 Jahre ist sie erst alt, doch sie schleicht mit winzigkleinen, lautlosen Greisinnenschritten. Schmal ist sie geworden. Ihr schelmisches Grinsen funktioniert noch, eine scheuere Version davon zumindest. Aber diesmal präsentiert sie nicht das Allzweckmesse unter der Küchenschürze, sondern eine Plastikapparatur unter dem BH. Zwei Griffe sind dran. Die Arzte haben gesagt, die soll sie fest zusammendrücken, wenn sie hustet, damit die Operationsnarbe nicht reißt und der zersägte Brustkorb hält.

Hana führt die Mutter behutsam an den Tisch, es ist Birkenholz, ein bisschen schief, Handarbeit des Vaters, die letzte, die er in diesem machen durfte. Die Mutter streicht zärtlich über die Tischdecke, sie seufzt, dann leuchten ihre Augen. Zum ersten mal in ihrem Leben ist sie geflogen! erzählt sie mit glänzenden Augen, und sie ist nicht heruntergefallen! Die Rettung hat sie mit dem Hubschrauber geholt. Ganz hoch in der Luft war sie, ganz weit über der Erde, und hat sich frei gefühlt, „so wie Walentina Tereschkowa, die erste sowjetische Kosmonautin. Jetzt bin ich die erste polnische Kosmonautin!“ ruft sie, ihre Stimme ist dünn, aber sie reckt die Arme in die Luft, so weit die Narbe es zulässt.

Die Mutter genießt den Augenblick. Sie waren sehr gut zu ihr im Spital. Haben sie umsorgt und sich gekümmert, jeden Tag wurde sie gefragt, wie es ihr geht. Sie rechnet damit, dass sie bloß noch eine halbe Stunde hat bei ihrer Tochter hat, eine Stunde vielleicht, zum Verschnaufen, dann wird einer ihrer Söhne sie abholen und nach Hause bringen. Dort wird viel Arbeit liegen geblieben sein in den Wochen ihrer Krankheit, und es ist zu befürchten, dass der Vater deswegen schlechte Laune hat.

Sie hat noch nicht mitbekommen, dass sich die Kräfteverhältnisse im Dorf, in der Familie, auf dem Hügel, in der Zwischenzeit verschoben haben. Sie weiß noch nicht, dass Hana mit den Ärzten telefoniert hat und bei einer Beratungsstelle für Gewaltopfer war. Dass sie sich über mobile Pflegedienste erkundigt und herausgefunden hat, dass es von der Versicherung womöglich sogar Geld gibt. Sie weiß noch nicht, dass Hana die Brüder in die Pflicht genommen hat, ihr zu helfen, wenn sie die Mutter vorerst einmal zu sich nimmt, und dass die Brüder von ihrem Mut so baff waren, dass sie es fest versprochen haben.

Sie werden den Vater damit bloßstellen, man wird sich das Maul zerreißen im Dorf, aber zum ersten Mal in ihrem Leben ist den Geschwistern das völlig gleichgültig. Die Mutter wird, zum ersten Mal in ihrem Leben, keine Angst mehr haben müssen.

Es ist plötzlich so vieles anders, seit Hana fertig ist mit Putzen.

 

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