Ein Sozialjahr wäre eine großartige Sache – für Junge und Alte, Männer und Frauen, Arbeitslose und Karrieristen.

Kommentar: Sibylle Hamann

Es passiert immer wieder, wenn der Abend fortgeschritten und schon mehrere Flaschen leer sind: Irgendwer fängt mit den Zivildienstanekdoten an. Wie man im Rettungsauto mit Blaulicht über den Gürtel gedüst ist. Wie man live bei einer Sturzgeburt dabei war. Was der alte Mann, den man jede Woche zur Dialyse schleppte, von der Ostfront erzählte. Und was das behinderte Mädel, der man Geschichten vorlas, vom verrückten Onkel daheim.

Diese Anekdoten sind zehn, zwanzig Jahre alt, oft nerven sie auch. Dennoch verraten sie, wie tief sich neun Monate ins Gedächtnis einbrennen können. In manchen sorgsam durchdesignten Berufsbiographien werden sie der einzige Chaosfaktor bleiben. Die einzige Gelegenheit, mit Menschen zusammenzukommen, deren Nähe man sich nie und nimmer selbst ausgesucht hätte, und in Winkel der Gesellschaft zu schauen, die normalerweise versteckt bleiben. In die geschlossenen Anstalten. In den Alltag überforderter Großfamilien. In die verwahrlosten Wohnungen alter Menschen.

Und manchmal hat man als Frau da insgeheim gedacht: Schade eigentlich, dass mich niemand zu solchen Erfahrungen gezwungen hat. Sie hätten mir wahrscheinlich gut getan.

Ja, selbstverständlich haben wir verstanden, dass die Forderung nach Abschaffung der Wehrpflicht ein billiger Wahlkampfgag des Wiener Bürgermeisters war. Dennoch: Wenn etwas davon hängenbleibt und mittelfristig die Idee eines Sozialjahres an Boden gewinnt – es wäre kein Schaden.

Erstens ist nämlich die Gleichstellung von Männern und Frauen überfällig, sowohl bei einem künftigen Berufsheer als auch bei jeder möglichen Form eines Sozialdiensts. Die Vorstellung, dass Männer mit der Waffe in der Hand das Land verteidigen müssen, während die Frauen daheim Feuer und Kinder hüten, ist längst obsolet. Manche Menschen sind besser zum Schießen geeignet als andere, manche eher zum Reden, manche zum Kommandieren, manche zum Kümmern. Mit dem Körperbau hat das alles nur sehr selten zu tun, mit dem biologischen Geschlecht gar nichts.

Zweitens ist es Zeit, sich vom feudalen, obrigkeitsstaatlichen Konzept des erzwungenen Frondienstes befreien. Ein Staat muss nicht mit Gefängnisstrafen drohen, um gesellschaftlich erwünschtes Verhalten zu bewirken. Es reicht, wenn er ein Angebot macht, das von einer ausreichenden Menge an Menschen als attraktiv empfunden wird. Klar muss er dabei kreativer sein als bisher – aber genau hier beginnt die ganze Sache spannend zu werden.

Drittens hat das mit Geld zu tun. Mit demütigenden drei Euro und 12 Cent Essensgeld pro Tag, wie sie jahrelang üblich waren, wird man heute niemanden mehr abspeisen können; ebenso erniedrigend war der Betrag, der „Ersatz für die Familienbeihilfe“ genannt wurde. Wer Dienst an der Gemeinschaft leistet, muss seine Lebenskosten decken können, zumindest in Höhe der Mindestsicherung.

Viertens hat es jedoch nicht nur mit Geld zu tun. Ein Staat hat viele Möglichkeiten, Bürger auf immaterielle Art zu belohnen. Ein Sozialdienst könnte, etwa in in pädagogischen, sozialen oder medizinischen Berufen, auf Aus- oder Fortbildungspraktika angerechnet werden. Er könnte Extra-Punkte bei der Bewerbung um einen Studienplatz bringen, oder ein Stipendium. Der Staat kann Sozialdienst-Monate besonders vorteilhaft auf die Pensionszeiten anrechnen oder Zuschüsse zu Versicherungen leisten. Es kann sie mit der bevorzugten Aufnahme in den Staatsdienst belohnen, mit der bevorzugten Zuteilung geförderter Wohnungen, mit einer Starthilfe in die Selbstständigkeit. Oder, wenn der Dienst auch für Nicht-Staatbürger möglich ist, mit einer rascheren Einbürgerung.

Logisch, dass ein solcher Sozialdienst, fünftens, für Erwachsene jeden Alters geöffnet werden müsste. In Zeiten, in denen die Jungen immer weniger und die Alten immer mehr werden, wäre es absurd, ersteren immer mehr Opferbereitschaft nahezulegen, während man letzteren garantiert, dass immer alles bleibt, wie es ist.

Klar ist man mit 18 besonders häufig orientierungslos, erlebnishungrig, und empfänglich für Neues. Aber kann das mit 38 oder 58 nicht auch noch passieren? Und wäre das nicht sogar super?

Weitergedacht, kann ein Sozialdienst so tatsächlich eine Alternative zur Arbeitslosigkeit oder zur Frühpension werden – aber ganz anders, als Christine Marek das im Sinn hatte. Es geht nämlich nicht um die sadistische Freude, arbeitsscheue Faulenzer mit der Trillerpfeife morgens aus dem Bett zu scheuchen. Sondern darum, Menschen, die darunter leiden, dass sie sich nutzlos fühlen, ein Betätigungsfeld zu bieten, in dem sie sich beweisen können.

Was schließlich, sechstens, kein Problem ist, das ausschließlich ärmere und schlecht qualifizierte Menschen betrifft. Auch schnittige Karrieristen fühlen sich mitunter ausgebrannt, frustriert und zweifeln am Sinn dessen, was sie tun. Für sie wäre ein Sozialdienst eine gesellschaftlich sanktionierte Chance, sich ihrer Midlife-Crisis hinzugeben; für ein paar Monate die Pause-Taste zu drücken, Abstand zu gewinnen, anderes zu probieren – ohne gleich alles hinschmeißen zu müssen.

Bisher ist der Elternurlaub die einzige Möglichkeit dazu. Warum nicht auch eine Sozialdienst-Karenz, samt Rückkehrrecht an den Arbeitsplatz? Vielleicht schaffen wir es ja tatsächlich eines Tages, Kindererziehung als Qualifikation zu begreifen, die einen auch bei verantwortungsvollen Aufgaben im Arbeitsleben weiterbringt. Dann werden wir merken: Für die Erfahrungen, die man in der Sozialarbeit macht, gilt das sicher genauso.

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