Eine Reportage aus der Kinderwunschklinik

Manche Kinder werden in einem frisch überzogenen Bett gemacht. Manche auf der fleckigen Rückbank eines Kleinwagens. Und manche unter den Händen von Martina Wöber.

Unter der Arbeitsplatte bewegen ihre Finger zwei Joysticks, mit denen sie die Pipettenhalterung steuert. Unter ihrem Mikroskop liegt, 400fach vergrößert, dick und rund, die Eizelle. Rundherum einige Samenzellen, kleines Köpfchen, hintendran ein langer, fadenartiger Schweif. „Diese, mit dem Knick, würd ich nicht nehmen, die große hier schaut fitter aus. Aber am Ende ist es natürlich Zufall, welche man grad erwischt.“

Die Nadel, sechs Mikrometer dick, saugt das auserwählte Spermium ein. Dann sticht sie durch die elastische Membran der Eizelle. Spermium freigeben, Nadel rausziehen, fertig. Am nächsten Tag wird man wissen, ob die Befruchtung erfolgreich war.

„Der Ersatz des elterlichen Aktes durch eine technische Prozedur ist unvereinbar mit der Achtung vor der Fortpflanzung“, würde die katholische Kirche dazu sagen. Martina Wöber hingegen sagt schlicht: „Ich habe das Gefühl, dass in diesem Raum Leben entsteht.“

Wöber kommt aus Hollabrunn, hat einen Sohn und ist klinische Embryologin. Das ist eine relativ neue Berufsbezeichnung für eine Arbeit, die sie schon seit vielen Jahren macht, im Kinderwunschzentrum im Goldenen Kreuz, einer von sieben Kliniken allein in Wien, die künstliche Befruchtungen anbieten.

Seit der eben gekürte Medizin-Nobelpreisträger Robert G. Edwards 1978 die In-Vitro-Fertilisation erfand, sind weltweit 3,5 Millionen Kinder so entstanden. In Österreich kommen jedes Jahr etwa 1600 weitere dazu, mittlerweile ist IVF an fast zwei Prozent aller Geburten beteiligt.

Alles ganz normal also, alles Routine? Nicht ganz. „Am Anfang kannte ich zu jedem Embryo noch die ganze Familiengeschichte, inzwischen sind es schon zu viele“, sagt Wöber. „Trotzdem kommt es mir immer noch so vor, als hätte jeder sein eigenes Gesicht.“

Das Gesicht von Zlatan Jovanovic ist offen und freudlich. 28 Jahre ist er alt; Vater Maurer, Mutter Hausfrau, geboren am 5.8.1982. Man nannte ihn damals „Österreichs erstes Retortenbaby“. Das klang, als hätte man ihn in einer Fabrik hergestellt.

„Es gab keine Nährlösungen, keine fertigen Hormonpräparate und keine Brutschränke, alles war improvisiert und selbstgemacht“, erinnert sich der Gynäkologe Wilfried Feichtinger an Zlatans Entstehung. Viele Nächte lang hatte er damals, gemeinsam mit zwei Kollegen, in der 2. Wiener Frauenklinik herumexperimentiert. Den Transferkatheter, mit dem sie die Eizellen in die Gebärmutter einsetzten, hatten sie aus Teflon selbst gebastelt „und mit Filzstift die Längenmarkierungen draufgemalt“. 50, 60 Versuche schlugen fehl. Erst Frau Jovanovic machte Österreich zum weltweit sechsten Land, in dem eine künstliche Befruchtung klappte.

Feichtinger ist der Familie bis heute verbunden. Er war dort oft zum Schweinsbratenessen eingeladen, man telefonierte an jedem Geburtstag. Heute leitet der IVF-Pionier eine schicke Kinderwunschklinik in Hietzing. Ein Bild von Zlatan und dessen Mutter hängt im Vorzimmer.

Zlatan arbeitet derweil an einer Tankstelle, 12 Stunden täglich, seine Familie braucht das Geld. Auch er hat ein dickes Fotoalbum, an einigen Stellen fehlen allerdings die Bilder. „Die haben sich Journalisten ausgeborgt und nicht wieder zurückgegeben“, sagt er, seither gebe er keine mehr her. Ein richtiger Medienprofi ist er mittlerweile, jährlich zu seinem Geburtstag gibt er Interviews und beantwortet geduldig die immergleiche Frage: Wie ist das so, wie fühlen Sie dich? „Ganz normal“, sagt er dann, „an meine Befruchtung kann ich mich schließlich nicht erinnern.“

Geblieben ist bloß der Nickname „invitro“, den Zlatan in Onlinechats verwendet. Und dass er Wilfried Feichtinger als „eine Art Onkel“ empfindet.

Für seine Mutter hingegen war es nicht immer einfach, damals. Sie wurde auf der Straße schief angeschaut, manchmal sogar beschimpft. Kinderlosigkeit galt Anfang der Achtzigerjahre noch als Schicksal. Es herauszufordern, war ein Tabubruch, begleitet von Scham und Angst.

Dieses gesellschaftliche Umfeld hat sich radikal verändert. Und doch fallen auch heute noch Worte wie „Versagen“ und „Schuld“, wenn Paare zu ihrem ersten Termin ins Goldene Kreuz kommen. „Die Art Druck ist heute allerdings ein anderer“, sagt Heinz Strohmer, Mitgründer und ärztlicher Leiter der Klinik. „Wir fürchten uns nicht mehr vor dem Pfarrer und der Ächtung im Dorf, sondern davor, an Zielen zu scheitern, die wir uns selbst gesteckt haben.“

Seine typische Patientin hat eine gute Ausbildung und viel Arbeit hinter sich. Nach mehreren Beziehungen, einem Auslandsaufenthalt und zwanzig Jahren Verhütung hat sie einen Mann gefunden, mit dem sie sich eine Familie vorstellen kann. „Mit 36 fügt sich die Idee langsam zusammen, dann probieren sie zwei Jahre, merken, dass irgendwas nicht geht. Dann ist sie 38, und dann sitzen sie hier. Es ist zum Weinen“, sagt Strohmer, und meint es im rein medizinischen Sinn. Das Alter nämlich sei das Hauptproblem – nicht der Frauen, sondern der Eizellen, von denen mit Ende dreißig nur noch ein allerletzter kläglicher Rest übrig ist (siehe xx).

„Verheerend“ findet der Arzt denn auch die in Illustrierten verbreiteten Illusion, dass heutzutage alles möglich sei: Sämtliche Hollywoodstars haben Zwillinge, Gianna Nannini wird mit 54 Mutter, alles locker, alles gar kein Problem. Strohmer zieht seine Tabelle heraus. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine 44jährige Frau bei einem Befruchtungsversuch mit eigener Eizelle schwanger wird, liegt bei 6,7 Prozent; die Wahrscheinlichkeit, dass daraus ein lebendes Baby wird, bloß noch bei 2,6 Prozent. Die Differenz sind Fehlgeburten. „Da müssen viele erst einmal schlucken“, sagt Strohmer.

Verschärft wird das Problem durch das österreichische Fortpflanzungsgesetz, das neben dem deutschen eines der strengsten Europas ist. Findet sich beim Mann kein brauchbares Spermium, darf man mit Spendersamen aushelfen. Eizellenspenden hingegen sind in Österreich verboten.

Strohmer hält dieses Verbot für anchronistisch – zumal es in der Praxis leicht umgangen werden kann. Bratislava, wo Eizellenspenden legal sind, ist nah; auch das Kinderwunschzentrum hat dort eine Partnerklinik. „Patientinnen wissen heute längst, was alles möglich ist“, sagt er. „Die geben nicht so schnell auf. Sie haben die Formel verstanden, nach der unsere Gesellschaft funktioniert: Dass man sich halt anstrengen muss, um etwas zu schaffen.“

Aber sei das, was Fortpflanzung betrifft, denn nicht genau der Irrtum? Nein, sagt der Arzt schlicht. „Es stimmt sogar. Je mehr Versuche, je mehr Eingriffe, Nebenwirkungen, Zeit, desto größer die Erfolgsrate. Statistisch zumindest.“

Doch es gibt die Grenze, hinter der ein Kinderwunsch zur Qual wird. Wer sich in den Online-Foren umschaut, wo Betroffene Rat und Aufmunterung suchen, ahnt die Abgründe, die sich an dieser Grenze auftun. Wie oft stehe ich das noch durch, die Hormontherapie, die Medikamente, die Schmerzen, das unerträgliche Warten auf den Test? Was könnte das Ziehen im Unterbauch bedeuten? Die Freundin ist schon wieder ungewollt schwanger, andere werfen ihre Babies weg, bloß ich darf keines haben – „hat sich denn alles gegen mich verschworen?“

Ja, man kriege schon viele erschütternde Geschichten mit, sagt Elisabeth Vosicky, die Krankenschwester, die im Eingriffsraum bei der Eizellenentnahme assistiert. Auf dem Gynäkologiestuhl neben ihr liegt dann die Patientin, mit Beruhigungsmitteln in einen Dämmerschlaf vesetzt, und starrt an die Zimmerdecke, auf die eine Künstlerin fünf Pinguine gemalt hat. „Von einer weißt du, dass sie schon zwei Babys verloren hat. Von einer anderen weißt du, sie war schon sechsmal da, und jetzt ist ihre allerletzte Chance.“

Der Mann, der nervös verkrampft daneben sitzt, hat wahrscheinlich eben im gegenüberliegenden Raum in einen Plastikbecher masturbiert. Ein Sofa steht dort, ein Flachbildfernseher mit Pornos, an der Wand Schwarzweißfotos barbusiger Models am Strand, sowie der mütterlich-fürsorgliche Hinweis „Lassen Sie sich Zeit!“

„Im diesem Moment hat sich bei den meisten Paaren schon so vieles aufgestaut,“ sagt Vosicky mitfühlend. Jahrelanges, Hoffen, Bangen, Sex nach Kalender, Untersuchungen, wohlmeinende Tipps und Ratschläge zuhauf. „Nach der Punktion wird dann oft einfach nur noch geheult.“

Nein, die Geschichte ist in diesem Moment natürlich noch nicht zu Ende. Aber vorübergehend nehmen sie andere jetzt in ihre Hände. Vosicky wird die kostbaren Eizellen vorsichtig durch eine Durchreiche in Martina Wöbers Labor weitergeben, „man will die ja nicht durch zugige Gänge tragen“, und während die erschöpften Paare nach Hause gehen, werden ihre Zellen auf beheizten Arbeitsplatten zusammengeführt. „Alles hier hat Körpertemperatur, 37 Grad, es es ist wichtig, dass sie die ganze Zeit schön warm bleiben“, erklärt Wöber.

Sie zeigt die Petrischalen mit der Nährlösung, in die die Zellen gebettet werden, die Brutschränke, in denen manche von ihnen zum Embryo heranreifen, rund um die Uhr überwacht und behütet, und es liegt fast ein bisschen Zärtlichkeit darin.

Jeder Schrank trägt den Namen einer Patientin. Morgen früh werden Wöber und ihre Kolleginnen sie wieder öffnen und nachschauen, welche der Zellklumpen sich weiterentwickelt haben. Einzeln werden sie bewertet, nach Aussehen und Tempo, höchstens fünf Tage lang. Dann werden die besten ein oder zwei eingesetzt. Wenn noch Embryos übrig sind, kommen sie in den Stickstofftank, zum Einfrieren.

Für den nächsten Versuch, den vergeblichen, den verzweifelten, den allerletzten. Oder auch, viel später, fürs Geschwisterkind.

Mitarbeit: Julia Prummer

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.