Österreichs Asylpraxis ist nicht nur menschenverachtend, sondern auch ökonomisch absurd und praktisch unvernünftig

Sibylle Hamann

Michael Fleischhacker hält es für „Sozialpornografie“, sich die Menschenschicksale hinter den Abschiebungen genauer anzuschauen. Diese Meinung teile ich nicht. Tun wir ihm dennoch den Gefallen und lassen die humanitäre Dimension kurz außer Acht. Stellen wir stattdessen, kühl und nüchtern, wie es neuerdings angesagt ist, die Frage nach der Vernunft, die in unserem Asylwesen steckt. Kalkulieren wir Aufwand und Ergebnis; Kosten, Nutzen und Kollateralschäden.

Oder, wie der Lateiner sagt: Cui bono? Denn irgendeinen Sinn muss das Kinderabschieben ja haben, wenn schon nicht für die Kinder und deren Eltern, dann doch wenigstens für irgendwen anderen, oder?

Beginnen wir in der Politik. So dynamisch und innovativ wie bei der permantenten Verschärfung der Asylgesetze war die Regierung bei keiner anderen íhrer Aufgaben. Alle paar Monate wurden Gesetzesnovellen durchs Parlament gejagt. Das Ergebnis ist Chaos, nicht einmal Experten blicken mehr durch, und niemand trägt Verantwortung. Die Innenmininisterin putzt sich am Polizeichef ab, am Verwaltungsgerichtshof und am Magistrat, das Magistrat an der Sicherheitsdirektion.

Und die Abgeordneten, die den ganzen Murks selbst beschlossen haben, sind abwechselnd „betroffen“, „emotional tief bewegt“ und „zornig“ über die Folgen. Wissen die überhaupt noch, was sie tun?

Auch ökonomisch gesehen, hält das, was sie tun, keinem Vernunfttest stand. Da landet zum Beispiel, tapfer und allein, der 14jährige Äthiopier Samuel T. in Graz. Schafft auf Anhieb die Hauptschule und die HTL mit Schwerpunkt Elektrotechnik. Solche Leute brauchen wir. Aber unser Gesetz erlaubt ihm nicht, nach seinem 18. Geburtstag seine Lehre fortzusetzen. Wirft ihn aus der Grundversorgung, verbietet ihm gleichzeitig das Arbeiten, nimmt ihn in Schubhaft, ohne ihn abschieben zu können, und verweigert ihm dennoch jede legale Existenz. Bis ein talentierter, ambitionierter junger Mann aus Verzweiflung Putzmittel schluckt, dann aus dem Fenster des Spitals springt, und schließlich, vor zwei Wochen, tot aus der Donau gefischt wird.

Da kann man nur noch entgeistert fragen: Wem ist damit gedient? Mir? Jemand anderem? Österreich wendet jeden Tag viel Zeit und Energie auf, um arbeitsfähige und integrationswillige Menschen in zermürbte, depressive, hoffnungslose Psycho-Wracks zu verwandeln. Wir lassen es uns eine Menge Geld kosten, die Ressourcen, die uns vor die Füße geworfen werden, systematisch zu zerstören.

Ja, Fleischhacker hat Recht, dass es „den Prinzipien einer gesteuerten Zuwanderung widerspricht“, abgelehnte Asylwerber zu Zuwanderern zu machen. Dass es eine ziemlich erratische Methode ist, jenen den Vorrang zu geben, die sich, auf welchen Wegen auch immer, hierher durchgeschlagen haben – gegenüber all jenen, die theoretisch vielleicht kämen, wenn wir uns irgendwann einmal um sie bemühten. Auf einer sehr abstrakten Ebene ist das tatsächlich ungerecht.

Aber pragmatisch, kühl und nüchtern betrachtet, ist es vernünftig. Die sind halt schon mal da. Die haben sich an uns gewöhnt, und wir uns an sie. Die haben Kinder, die unsere Mundart sprechen, haben Freunde, und hängen an Österreich, trotz allem. Was wollen wir eigentlich mehr?

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