Warum das neue Buch von Alice Schwarzer Beifall von der falschen Seite kriegt

Rezension: Sibylle Hamann

Alice Schwarzer, Deutschlands bekannteste Feministin, war verärgert, als sie sich unversehens in Heinz-Christian Straches Wiener Wahlkampf wiederfand. „Diese Leute, die Islamisten, die müssen wir als das begreifen, was sie sind – als unsere Feinde. Und denen haben wir politisch Paroli zu bieten“: Diesen Satz klebte die FPÖ im Endspurt auf ihre Wahlplakate, samt Quellenangabe.

Nein, man habe sie nicht gefragt, ob sie damit einverstanden sei, stellte Schwarzer sofort klar, und nein, sie hätte niemals zugestimmt. Doch halte sie es für „durchaus denkbar“, so etwas gesagt zu haben, denn inhaltlich stehe sie dazu.

Immerhin hat die EMMA-Herausgeberin eben ein Buch herausgegeben, in dem sie ähnliche Worte findet. „Die große Verschleierung“ heißt es, und versammelt Analysen und Reportagen aus vielen Jahren, die meisten davon in „EMMA“ erschienen; ein zeithistorisch interessanter Text stammt gar noch von 1979, aus der heißen Phase der iranischen Revolution.

Von mehreren Seiten und aus verschiedenen Ländern nähern sich die Autorinnen darin der Frage, was der politische Islamismus in Westeuropa vorhat (Antwort: Er versucht, die Gesellschaft zu unterwandern und in seinem Sinn zu verändern). Wie man ihn erkennt: am Kopftuch. Und wie man sich ihm entgegenstellt: „Wehret endlich den Anfängen!“

Respekt und Toleranz, so der Tenor dieser Streitschrift, seien fehl am Platz, wenn es darum geht, die Errungenschaften der Aufklärung zu verteidigen, zu denen, als zentrales Element moderner Gesellschaften, die Gleichberechtigung der Geschlechter zählt. Was Schwarzer antreibt, ist „die Sorge um die in den letzten 200 Jahren so mühsam und blutig erkämpften Menschenrechte im Westen“, und das nimmt man ihr auf jeden Fall ab.

Sie will es nicht hinnehmen, dass die (vom Ausland gesteuerten) fundamentalistischen Islam-Verbände in der deutschen Integrationsdebatte den Ton angeben und behaupten, für alle Musliminnen und Muslime zu sprechen. Sie hält es für verheerend, dass unter religiösen Vorwänden Selbstverständlichkeiten wie die gemeinsame Erziehung von Buben und Mädchen in Frage gestellt werden. Sie fordert von der Politik mehr Unterstützung für alle muslimischen Frauen und Mädchen, die darum ringen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Und von uns allen fordert sie: „Genau hinsehen!“

Bei all diesen Zielen kann man ihr hundertprozentig zustimmen. Dennoch stimmt einiges an diesem Buch nicht; im Tonfall, in der Fokussierung. Und deswegen ist es kein Zufall, dass es Beifall von der falschen Seite bekommt.

Das Unbehagen beginnt schon beim Buchcover. „Die große Verschleierung“ steht da, und im Hintergrund ragen schwarz, düster, geheimnisvoll und bedrohlich, die Umrisse einer mit Tschador verhüllten Frau auf. Dieses Motiv kennen wir gut: Es diente bei der Schweizer Abstimmung für ein Minarettverbot als Illustration sämtlicher Fremdenängste, und auch die FPÖ klebt stets Bilder schwarzverhüllter Frauen auf ihre Poster, wenn sie will, dass wir uns gruseln.

Dass der Ganzkörperschleier, in der Tschador- oder Burka-Variante, ein Frauen-Käfig ist, ein zutiefst menschenverachtendes Folterinstrument, steht außer Frage. Ebenso, dass es das emanzipatorische Ziel sein muss, jede Frau daraus zu befreien. Bloß: wie tun wir das am besten? Wie rücken wir der Frau unter der Burka näher? Wie stellen wir Vertrauen zu ihr her, wie geben wir ihr Mut und Kraft, sich gegen den totalen Besitzanspruch ihrer Familie aufzulehnen und außerhalb – bei uns – Hilfe zu suchen? Wohl kaum, indem wir sie öffentlich zum Inbegriff des Bösen stilisieren.

Auch nicht, indem wir sie mit Geld- oder Haftstrafen bedrohen, sobald sie auf die Straße geht. Schwarzer fordert ein europaweites Burka-Verbot. Was genau soll das der Frau unter der Burka bringen – außer dass sie dann zu Hause eingesperrt bleibt?

Anders liegt die Sache beim Kopftuch. Doch auch bei diesem Thema wird längst schon viel zu viel über das Stück Stoff geredet, statt sich mit den konkreten Frauen zu beschäftigen, die darunterstecken. Schwarzer und ihre Mitstreiterinnen Necla Kelek und Elisabeth Badinter haben zwar Recht mit dem dringlichen Hinweis, das eng gebundene, den Hals bedeckende Tuch sei kein normales Kleidungsstück, sondern ein politisches Zeichen – jenes der Islamisten nämlich. Der Umkehrschluss jedoch stimmt schon nicht mehr: Nicht jede Frau, die es trägt, ist automatisch eine Islamistin.

Nicht jede empfindet sich zudem als unterdrücktes, fremdbestimmtes Wesen. Sollen wir ihr das austreiben, mit dem Hinweis, sie sei sehr wohl fremdbestimmt, wisse es bloß noch nicht?

Verräterisch dazu ist der Satz einer anonymen Konvertitin, die in ihrem Buchbeitrag beschreibt, was geschah, als sie das Kopftuch anlegte: Sie wurde von einem Tag auf den anderen von ihrer deutschen Familie geschnitten, mehrere Verwandte bradchen den Kontakt ab. „Ich wähnte mich als Märtyrerin: Man grenzte mich aus“, was bei ihr zu einem „Gefühl moralischer Überlegenheit“ führte, zu wachsender Feindseligkeit gegen die Deutschen.

„Kopftuchmädchen“ ist ein böses neues Wort in der deutschen Islam-Debatte. Es reduziert Mädchen auf ihr Äußeres, beurteilt sie aufgrund ihrer Kleidung, ordnet sie pauschal ein, und schreibt sie, mit einem Handstreich, verächtlich ab, ohne sich auch nur einen Moment lang dafür zu interessieren, was sie können, was sie brauchen, was sie zu dieser Gesellschaft beitragen, und was in ihr verändern wollen.

In diesem Sinn ist „Kopftuchmädchen“ ein sehr antifeministisches Wort. Thilo Sarrazin hat es gern verwendet. Schade, dass es nun auch in Schwarzers Buch vorkommt.

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