Man muss vor den Hetzern nicht den Kopf einziehen. Man kann sie auch mit Ehrlichkeit entwaffnen. Das ist die große Chance der Grünen in Wien.

Sibylle Hamann

Gibt man die Phantasie eigentlich an der Garderobe ab, wenn man „Insider“ oder „gutinformierter Beobachter“ wird? Und muss man dem Gebrauch des Möglichkseitssinns ein für alle mal abschwören, um in den Kreis jener Politikberater vorzudringen, die zu jeder Lebenslage die passende Instant-Prognose aus dem Hut zaubern?

Fast schaut es so aus. Denn die Auskenner und Besserwisser waren sich monatelang allesamt sicher: Nie und nimmer könne das etwas werden, mit Rot-Grün in Wien. Der selbstverliebte Bürgermeister werde sich doch nicht freiwillig das Leben schwer machen, wenn ers auch bequem haben kann. Die ÖVP werde sich doch nicht ohne Not von den Futtertrögen wegschieben lassen. Unmöglich, dass die Wiener SPÖ jemals bereit wäre, auch nur ein Zipfelchen ihrer Allmacht abzugeben. Noch unmöglicher, dass die grüne Parteibasis eine Koalition gutheißen könnte, ohne ihre eigene Führungsriege zu meucheln.

So, und jetzt ist Rot-Grün trotzdem passiert. Die Auskenner und Besserwisser haben sich geirrt.

Vielleicht ist das der richtige Zeitpunkt, sich auszumalen, was noch alles passieren könnte. Was alles möglich wäre, obwohl es sämtliche Besserwisser für absolut unmöglich halten. Oder sogar dringend davor warnen.

Man könnte, zum Beispiel, sofort aufhören, sich vor der Kronenzeitung und ihren Leserbriefschreibern zu fürchten, vor Heinz-Christian Strache und seinen Wählern, und vor den hetzerischen Postern, die mittlerweile die Online-Foren fast aller Medien Tag und Nacht mit ihren Ressentiments zuschütten.

Auf diese Leute müsse auf Schritt und Tritt Rücksicht nehmen, wer in Wien regieren will, behaupten Poltikberater und Strategen seit Jahren. Ressentimentgeladen, alles Unbekannte abwehrend, schadenfroh – so seien „die Menschen draußen“ halt. Daran müsse sich die Politik anpassen. Ihnen nach dem Mund reden. Sie nur ja nicht vor den Kopf stoßen. „Die Leute wollen das nicht“, lautete denn auch der Stehsatz von SPÖ-Funktionären.

Die Chance der Grünen in Wien liegt darin, es einfach einmal drauf ankommen zu lassen. Klar zu sagen, was man in der Stadt verändern will, und was das für jeden einzelnen Bürger, jede einzelne Bürgerin bedeuten wird.

„Vorrang für den öffentlichen Verkehr“ heißt zum Beispiel, dass wir weniger Platz haben werden, um mit dem Auto zu fahren. „Integration“ heißt, dass Menschen mit verschiedensten Wurzeln in allen Bereichen und auf allen Hierarchiebenenen des Lebens sichtbar sein werden. Und „Stadt“ bedeutet generell immer: mit Veränderungen, Unsicherheit, Bewegung und Verschiedenheit umzugehen.

Na und? Unzumutbare Wahrheiten sind das nicht. Man muss sie bloß aussprechen, laut und deutlich, damit sie ihren Schrecken verlieren, und die Chancen darin zum Vorschein kommen. Die SPÖ hat der Aufgeklärtheit ihrer eigenen Klientel nie ganz getraut, und deswegen gern in paternalistischer, autoritärer, beschwichtigender Schönfärberei Zuflucht gesucht. Seither liegt eine Glocke aus Unehrlichkeit über der Stadt.

Wenn es den Grünen gelingt, diese Glocke wegzupusten, können sie Wien nachhaltig verändern.

Selbstverständlich wissen die Besserwisser schon heute ganz genau, dass die Grünen an diesem Anspruch scheitern werden. Scheitern müssen, zwangsläufig. Aber vielleicht irren sie sich ja.

 

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