Wie bedroht sind wir eigentlich? Und von wem? Bei der Beurteilung von Gefahren ist uns inzwischen jedes Gefühl für das richtige Maß abhandengekommen

Sibylle Hamann

Geschichte Nummer eins spielt auf den Wiener Christkindlmärkten. Es gibt Kartoffelpuffer, gestrickte Zipfelmützen, Plastikklumpert und heißen Punsch, wie jedes Jahr. Wäre da heuer nicht diese allumfassene, unsichtbare Gefahr. „Angst vor Terror im Advent“, „Weihnachtsmärkte im Visier“, meldet der „Kurier“. Die Märkte würden verstärkt undercover überwacht, steht in der Gratiszeitung „heute“ – „denn mitten unter uns könnten sich ein paar gefährliche Zeitbomben verstecken.“

Könnten. Denn Anhaltspunkte für irgendeine konkrete Bedrohung kennt nicht einmal das Innenministerium. Null. Niente. Dennoch macht der ORF in „Wien heute“ Liveschaltungen zum potentiellen Tatort. Nein, passiert ist noch nichts, dort steht nur ein seltsamer Buchautor, der mit tiefschürfenden Analysen aufwartet: „Die radikalen Terroristen sind darauf aus, möglichst viele Menschen zu töten“. „Wir dürfen nicht glauben, dass wir kein Ziel sind.“ Warum? „In Österreich leben 586.000 Muslime“, und es sei „völlig unbekannt“, wie viele davon Gewalt anwenden würden. Na dann! Abschlussfrage: „Abgesehen vom Christkindlmarkt – was haben die Terroristen denn sonst noch im Visier?“

Man kann nie vorsichtig genug sein, könnte man hier einwenden. Besser allzu wachsam, als es kommt jemand zu Schaden. Kommen wir deshalb zu Geschichte Nummer zwei.

Die wird derzeit vor Gericht verhandelt, weil jemand dabei zu Schaden kam: Umar Israilov, ermordet in Wien-Floridsdorf vor einem Jahr. Der konnte die Gefahr, in der er sich befand, relativ genau benennen. Israilov wollte gegen den tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow aussagen, wegen Folterungen und anderen Menschenrechtsverletzungen. Kadyrows Häscher seien ihm deswegen auf den Fersen, erzählte Israilov der Polzei. Sie verfolgten ihn, hätten ihn bereits gefunden, er fürchte um sein Leben und bitte daher um Schutz.

Den bekam er aber nicht. War wohl nicht präzise genug, dieses Bedrohungsszenario. Da könnte ja ein jeder mit seiner Paranoia kommen! Ein paar Tage später war Israilov tot.

Kostet halt alles Geld, könnte man hier einwenden. Der Schutz vor Attentaten ist aufwendig, der Staat hat begrenzte Ressourcen und muss Prioritäten setzen. Deshalb zu Geschichte Nummer drei.

Das ist der Fall der radikalen Tierschützer, derzeit ebenfalls gerichtsanhängig. Es geht um Sachbeschädigung, Brandstiftung, Nötigung. Alles keine läppischen Anklagepunkte. Aber um Terror und Mord geht es nicht. Dennoch hat unser Staat keine Kosten und Mühen gescheut, um die „kriminelle Organisation“ mit den absurdesten Mitteln zu bekämpfen. Eine verdeckte Ermittlerin soll eingeschleust worden sein, mit falschem Namen, falschen Dokumenten, und 16 Monate lang bei allen Aktivitäten dabei gewesen sein, Sex mit einem Angeklagten inklusive.

Freilich ohne dass am Ende dabei irgendwas Belastendes herausgekommen wäre. Wir halten heute im achten Verhandlungsmonat, bei fünf Millionen Euro Prozesskosten, bei mehreren zerstörten Existenzen. Und ein Ende ist nicht abzusehen.

Ja, es gibt Gefahren dort draußen. Man muss sie nüchtern einschätzen und angemessen reagieren. Aber es schaut im Moment nicht so aus, als habe Österreich dafür die richtigen Maßstäbe bei der Hand.

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