mein lieblingslehrer von früher – und wie er die schule von heute verändern würde
Der Lehrer: Peter Abulesz ist seit 38 Jahren im Schuldienst. Er unterrichtet Geschichte und Latein; in den Achtzigerjahren am GRG 19, Billrothstraße. Seit 16 Jahren ist er Direktor des GRG Hagenmüllergasse im 3. Bezirk. In zwei Jahren geht er in Pension.
Ich: Ich habe 1984 maturiert, im Jahr von Hainburg. Die Zeit davor war geprägt von der Friedensbewegung, dem Protest gegen die NATO-Nachrüstung. Totalverweigerer wurden eingesperrt, Greenpeace Österreich gegründet, in den Supermärkten boykottierte man Südafrika. All das trugen wir in unser reaktionäres Döblinger Gymnasium hinein, und waren damit bei unserem Geschichtslehrer Peter Abulesz sehr willkommen. Der war Reserveoffizier beim Bundesheer und sicher kein linker Revoluzzer. Aber er diskutierte, widersprach, nahm uns erst, freute sich daran, dass wir uns für die Welt interessierten, und noch mehr, wenn wir unseren Protest auch logisch formulieren konnten. Der NATO-Doppelbeschluss war meine Maturafrage.
Peter Abuslesz sagt: ” Ein guter Lehrer muss Verständnis für Kinder haben. Das Verständnis für Eltern kann sich in Grenzen halten. Er braucht fachliche Kompetenz. Und er muss bereit sein, sich mit Neuem auseinanderzusetzen. Fürchten darf er sich nicht.
Ihr wart ja eine meiner ersten Klassen. Die Schule hat sich seither radikal gewandelt. Das hat gar nicht so viel mit den Kindern und Jugendlichen zu tun. Die sind heute ganz ähnlich wie damals, die einen lieb, die anderen weniger. Das gesellschaftliche Umfeld ist anders, es sind für die Schule Unmengen an neuen Aufgaben dazugekommen.
Damals haben Eltern Zeit aufgewendet, damit ein Kind in der Schule mitkommt. Was der Lehrer gesagt hat, hat gegolten, und wenn es zu Hause Probleme gab, hat man versucht, das vor den Lehrern zu verbergen. Heute wollen sich die Eltern abends nicht mit der Schule beschäftigen. Es ist sogar mühsam, von ihnen Unterschriften einzusammeln. Von der Schule wird erwartet, dass sie Erziehungsaufgaben übernimmt, aber wie sie das dann tut, wird schnell kritisiert. Eltern suchen an der Schule Hilfe, wenn sie sich überfordert fühlen. Und das überfordert oft die Lehrer, weil sie dafür nicht ausgebildet sind.
Auch inhaltlich hat es ja eine totale Umstellung gegeben. Im modernen Unterricht geht es in erster Linie nicht mehr um Fachwissen, sondern um Grundkompetenzen, die dann für alles weitere anwendbar sind: sinnerfassend lesen, das Problem verstehen, gliedern, das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden, und überlegen, wie man die Antwort finden könnte. Die Antwort selbst ist dann oft gar nicht so schwer. Diese Art Aufgaben sind wir in Österreich noch nicht so gewöhnt, international ist das längst Standard, auch bei PISA.
Die Lesekompetenz ist dabei das Wichtigste überhaupt. Nicht nur für das Fach Deutsch, sondern für alle Fächer, auch die Naturwissenschaften. Und fürs Leben. Man muss durchblicken, argumentieren, sich präsentieren können – in jedem Beruf, eigentlich.
Ich finde diese neue Priorität hundertprozentig richtig. Da unterstütze ich die Bildungsministerin, und ich freu mich, wie die meisten jungen Lehrer drauf anspringen. Wahrscheinlich haben gute Lehrer das immer schon so gemacht. Aber klar gibt es auch resistente Elemente, denen dieses Konzept total suspekt ist.
Bei der wachsenden Bedeutung der Lesekompetenz sehe ich jedoch eine Schere, die aufgeht. Denn gerade da haben die Kinder die größten Probleme. Sie lesen schlampert, ungeduldig, sind es nicht gewöhnt, mit längeren Texten umzugehen. Das hat sicher damit zu tun, dass mit ihnen zu Hause weniger geredet wird. Das fängt beim Vorlesen an und hört beim Diskutieren auf. Oft sind die Eltern halt froh, wenn die Kinder in ihr Zimmer verschwinden und ruhig sind.
Wenn ich was ändern könnte, würde ich bei der Lehrerausbildung anfangen. Es bräuchte mehr Psychologie und Fachdidaktik, wie bei den Pflichtschullehrern. Die Idee einer gemeinsamen Ausbildung ist gut, nur müsste der universitäre Charakter dabei unbedingt erhalten bleiben. Weil AHS-Lehrer Leidenschaft für ihr Fach haben müssen, damit sie es mit Leidenschaft unterrichten können. Klar könnte ich mich in eine erste Klasse stellen und Mathematik unterrichten. Aber da würde kein Funke überspringen.
Der zweite große Manko ist der Übertritt von der Volksschule ins Gymnasium. Da ist ein irrsinniger Druck auf den Volksschullehrern, die Eltern wollen lauter Einser, sonst stehen sie in der Schule und regen sich auf. Viele Volksschullehrer haben längst kapituliert. Die Noten sagen überhaupt nichts mehr aus, und die Kinder sind dann in der AHS unglücklich. Ich will keine Aufnahmeprüfung. Aber ein Verfahren, in dem jedes Kind samt seinem Hintergrund angeschaut und seine Entwicklungsprognose begutachtet wird, wäre sicher fairer als jetzt.
Die Gesamtschule? Mit ausreichend Ressourcen würde die funktionieren. Mit vielen Begleitlehrern, Förderstunden, Schulumbauten. Wenn schon, dann richtig. Aber ich fürchte halt: Das Geld wirds nicht geben, und es kommt nur eine hatscherte Lösung raus. Vor der Sparversion hab ich Angst.”
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