Der „Fall Babylon“ illustriert, wie nah Prostitution und ausbeuterische Mafia-Methoden beieinander liegen. Deswegen gehört das Puff-Plakat am Flughafen weg. Sofort.

Sibylle Hamann

Wer am Flughafen ankommt, erfährt sofort, was Wien für eine Stadt ist. Ehe man sich noch einen Stadtplan besorgt, mit den Automaten der Wiener Linien Bekanntschaft gemacht oder das Gepäck im Hotel abgestellt hat, weiß man: Hier stehen willige Frauen zur Verfügung. Gegen Geld verkleiden die sich mit Reizwäsche als Engerln, strecken einem Busen und Popo entgegen, und machen alles, was man will.

So zumindest verspricht es das Werbeplakat des Puffs „Babylon“. Sechs mal zwei Meter groß und leuchtend hängt es direkt im Blickfeld der ankommenden Passagiere. Nein, nicht nur jener Passagiere, die Geschlechtsverkehr mit Prostituierten als selbstverständlichen Bestandteil einer Dienstreise begreifen.

Sondern auch aller anderen. Männer, Frauen, Kinder.

Man kann das alles ganz normal finden. So wie die Flughafengesellschaft. „Wir sind ein wirtschaftlich orientiertes Unternehmen“, erklärtE der Airport-Sprecher STETS, wenn Kritik kAM; der Mietvertrag laufe ohnehin im kommenden Juni aus. IN DIESER SICHTWEISE IST DAS „Babylon“ EIN WERBEKUNDE WIE ANDERE AUCH. DEM MAN, WIE ALLEN, EINFACH eine Fläche für die Anpreisung seiner Produkte ZUR VERFÜGUNG STELLT.

Weil Frauen halt eben auch bloß Produkte sind wie ANDERE AUCH? Wie Radiowecker, Autos, Haushaltsgeräte? Kosten was. Kann man benützen. Sind ihr Geld hoffentlich wert. Legt man nach Gebrauch wieder weg. Und wenn sie alt, kaputt oder durch zu intensiven Gebrauch unansehnlich geworden sind, werden sie entsorgt.

Man kann das geschmacklos finden, wie AUA-Vorstand Andreas Bierwirth. Bordellwerbung müsse nicht sein, meint der, denn sie sei „für Gäste aus bestimmten Ländern abstoßend“. Für Schwedinnen etwa, die ungern mitansehen, wie Rumäninnen vermietet werden? Die wissen, wie nah Prostitution und Ausbeutung stets beieinander liegen? Aber nein. „Für Reisende aus dem arabischen Raum“, meint Bierwirth, die hätten „eine andere Einstellung zum Körper“. Er sorgt sich nicht um die entwürdigten Frauen, sondern um das empfindliche Schamgefühl der Scheichs.

Ein paar Ereignisse in jüngster Zeit haben uns dem Kern des Problems nun allerdings näher gebracht. In Rumänien findet derzeit der Prozess gegen Relu C. und Ion T. statt, die des Menschenhandels angeklagt sind. Ihre Masche war offenbar stets ähnlich: Sie lasen bei lokalen Modelwettbewerben Mädchen auf, versprachen ihnen Fernsehauftritte und Werbeaufträge, und lockten sie zu Fotoshootings nach Österreich. Die Shootings kosteten viel Geld. Das mussten die Mädchen dann im Bordell abarbeiten, nachdem man ihnen ihre Pässe abgenommen hatte. Unter den 80 betroffenen Frauen sollen 17 minderjährige sein.

Auch das „Babylon“ wurde von diesem Mädchenhändlerring beliefert. Nicht mit Minderjährigen, wie der Bordellmanager beteuert. Doch auch eine der Frauen auf dem Flughafen-Plakat soll von Relu C. und Ion T. ausgetrickst und betrogen worden sein. Sie ist fest entschlossen, demnächst beim Prozess auszusagen. Angeblich heißt sie Simona.

Falls Sie demnächst im Ankunftsbereich des Terminals vorbeikommen: Simona ist das Engelchen mit der schwarzen Korsage und den wilden rotblonden Locken. Nicht einmal die polizeilichen Ermittlungen haben die Flughafenverwaltung überzeugen können, das Plakat vor Ablauf des Mietvertrags zu entfernen. Simona ist nicht mehr ganz willig. Aber sie hängt immer noch da.

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