Was tut man, wenn ein neues Jahr beginnt? Man blickt in die Zukunft und freut sich auf Neues. Fast überall. Nur Österreich muss das noch lernen.

Sibylle Hamann

Das neue Jahr ist jung, frisch, unbeschädigt. Zeit, alles, was liegengeblieben ist, vom Schreibtisch zu wischen und neu anzufangen. Aber auf dem Schreibtisch liegt noch etwas, das sich nicht so einfach wegwischen lässt. Das erklären will, warum Österreichern das Neu-Anfangen-und-hoffnungsfroh-in-die-Zukunft-Schauen so schwer fällt. Drei Umfrageergebnisse liegen da noch herum, zufällig in ihrer Zusammenstellung, aber stimmig im Gesamtbild.

Der erste Zeitungsausschnitt: Eine „market“-Umfrage, in der es um unseren Nationalstolz geht. Der ist, wie diese Studie behauptet, im Jahr 2010 so ausgeprägt wie noch nie. Worauf aber konkret sind die Österreicher stolz? Auf große Leistungen, die sie oder ihre Mitbürger erbracht haben, intellektuell, kulturell, technisch, sportlich? Keineswegs. An der Spitze der Stolzesliste liegt die landschaftliche Schönheit des Landes, gefolgt von der guten Küche und den Sehenswürdigkeiten. Die Landschaft war schon vor dem Homo Sapiens da. Die Erbauer der Sehenswürdigkeiten sind lang tot, die Erfinderinnen der Küche ebenfalls; höchstens an deren Verfeinerung ist man aktuell noch ein bisserl beteiligt.

Der zweite Ausschnitt ist eine „Eurobarometer“-Umfrage, die die Einstellungen zur Mobilität im europäischen Vergleich erforscht. Das Ergebnis: Niemand bleibt so gern daheim wie die Österreicher. Mehr als jeder zweite hält es prinzipiell für keine „gute Sache“, dass man innerhalb der EU von einem Land in ein anderes umzieht; und nur acht Prozent können sich vorstellen, das selbst zu tun und woanders zu arbeiten. Als Grund nennen sie ihr „ausgeprägtes Heimatgefühl“. Was wahrscheinlich heißt: Landschaft und Essen, siehe oben.

Und noch eine Eurobarometer-Umfrage, diesmal mit zum Thema Technologie. Ob in Genetik oder Biologie, Energie, Informationstechnologien oder Raumfahrt: Nirgendwo sonst in Europa wird Forschung auf diesen Gebieten ähnlich skeptisch beurteilt wie in Österreich. Nirgendwo sonst geben so viele Menschen an, wenig über neue Technologien zu wissen, und gleichzeitig, dass sie sich kaum Positives von ihnen erwarten.

Was verbindet diese drei Befunde? Dass Österreich ein Land ohne Möglichkeitssinn ist. Dass hier eine Weltsicht vorherrscht, in der alles vorgegeben und nichts gestaltbar ist. Dass jede Veränderung, wenn sie wider Erwarten doch einmal über einen hereinbrechen sollte, eine Veränderung zum Schlechteren sein muss. Gut ist, was man kennt. Nichts anderes könnte ebenso gut sein. Deswegen muss man abwehren, verhindern, stillhalten.

Viele Eigenarten Österreichs werden vor diesem Hintergrund erklärbar. Die grundsätzlich misstrauische Zuwanderungspolitik zum Beispiel, die gar nicht erst auf die Idee kommt, von neuen Menschen im Land auch Neues lernen zu können. Die defensive, mutlose Bildungspolitik, die in jedem neuen Schulkind, das die Schule betritt, einen neuen Problemfall mit Defiziten sieht, statt sich auf die Suche nach seinen Talenten zu machen. Die Forschungs- und Universitätspolitik, die jede Ambition ad acta gelegt und sich selbst praktisch abgeschafft hat.

Wozu gestalten, wozu Ideen haben? Wo man in Wien doch seit jeher schon weiß, dass „eh nie was besseres nachkommt“? Zufriedenheit ist eine schöne Sache. Man kann es aber auch übertreiben mit ihr.

Hier ist eine Österreich-Übung für das kommende Jahr: Alles, was gut ist, ginge auch ganz anders. Wenn man etwas Neues versucht, kommt manchmal sogar was besseres nach. Worauf man dann mit mehr Recht stolz sein könnte.

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