Kinder können nichts dafür, wenn sie unfähige, unwillige oder unwissende Eltern haben. Warum will die Wissenschaftministerin sie dafür noch ein zweites Mal bestrafen?

Sibylle Hamann

Man könne „nicht alles auf die Schule abschieben“, sagt Ministerin Beatrix Karl. In erster Linie seien die Eltern „für die Bildung ihrer Kinder verantwortlich“. Deswegen sollen sie mit ihren Kindern mehr Hausaufgaben machen. Mehr mit ihnen lernen. Mehr lesen. Sich „mehr einbringen“.

Ja, eh.

Selbstverständlich wäre es super, wenn alle Kinder supere Eltern hätten. Engagiert und warmherzig, interessiert und entspannt, fordernd und mitfühlend, gebildet und fürsorglich. Das Kind kommt von der Schule nach Hause, der Papa hat eben den Zwetschgenfleck ins Rohr geschoben, es duftet, und die Mama setzt sich lächelnd mit einer guten Tasse Kräutertee an den Wohnzimmertisch, bereit zum Vokabelabprüfen und Hyperbelberechnen.

So wäre Familie schön – da sind die meisten Menschen mit Frau Karl wahrscheinlich einer Meinung.

So ist es aber selten. So war es, anders als Nostalgiker behaupten, auch früher selten.

Die einen Eltern können nicht mit ihren Kindern lernen. Die anderen wollen nicht. Die einen täten gern, haben aber nicht die Zeit dafür. Die anderen hätten Zeit, aber keine Lust. Es gibt abwesende Elternteile und kranke, egoistische, dumme und überforderte. Die einen wollen unbedingt bis spätabends Karriere machen, andere müssen mit drei Jobs jonglieren, um die Miete zu bezahlen; wieder andere arbeiten gar nichts und verbringen den ganzen Tag vor der Spielkonsole. Die einen haben Beziehungssorgen oder zu viele andere Kinder. Andere sind depressiv oder gehen lieber auf Partys. Die einen haben Bücher schon immer gehasst, andere wollen verhindern, dass ihre Kinder gescheiter werden als sie selbst, damit immer jemand zu ihnen aufblickt.

Es gibt wunderbare Eltern, die emotional jederzeit für ihre Kinder da sind – aber am Vorlesen und Hyperbelberechnen scheitern, weil sie selber kaum lesen können. Und es gibt Eltern, die intellektuelle Genies sind, aber für Hausaufgaben völlig ungeeignet. Jedes mal, wenn sie sich über ein Schulhelft beugen, gibt es Streit.

Das alles sind bessere und schechtere Gründe, warum mit Kindern zu Hause wenig gelernt wird. Man kann das „Elternversagen“ nennen und Mütter und Väter dafür, wie Beatrix Karl es tut, tadeln, anklagen, „in die Pflicht nehmen“ und noch einige hundert Mal fordern, sie mögen sich doch bitteschön endlich ändern.

Doch an der entscheidenden Frage geht das völlig vorbei. Die lautet: Was können denn die Kinder dafür?

Kinder haben sich ihre Eltern nicht ausgesucht. Ob sie gute oder schlechte Exemplare erwischen, engagierte oder ignorante, ist völliger Zufall; mit ihrer Intelligenz, ihren ureigenen Interessen und Fähigkeiten hat das kaum etwas zu tun.

Was kann, was soll eine Bildungspolitikerin da tun? Sie soll gute Eltern loben, anspornen und sich freuen, dass es sie gibt. Aber schlechte Eltern bestrafen zu wollen, indem man ihren Kindern Bildungschancen verwehrt, ist unverantwortlich und zynisch.

Sprechen wir es nüchtern aus: Staatliche Bildungspolitik in einer modernen Wissensgesellschaft ist nicht dazu da, um den Eifer von Eltern zu belohnen, sondern um dem Land neue Ressourcen zu erschließen und möglichst viele Talente zu bergen – egal ob es die Eltern dieser Kinder vedient haben oder nicht.

Den Müttern und Vätern, die viele Nachmittage über Vokalbelheften gebrütet haben, mag das unfair erscheinen. Den Kindern gegenüber ist es das einzig Sinnnvolle.

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