Die Regierung will Menschen, die Gehälter ausplaudern, mit Geldstrafen belegen. Tun wir lieber das Gegenteil. Ein Plädoyer für totale Lohn- und Einkommenstransparenz.

Sibylle Hamann

Ich bin selbstständig. Meine Steuererklärung für 2009 ist eben fertig. Ich hatte Einnahmen in der Höhe von 66.000 Euro (Honorare für Artikel, Moderationen, Vorträge etc.). Ich hatte Ausgaben in der Höhe von 28.000 Euro (Büromiete, Anschaffungen, Reisespesen, Kinderbetreuung und andere Absetzbeträge). An die Sozialversicherung habe ich 6700 Euro bezahlt. Bleibt unterm Strich ein Gewinn von 31.000 Euro, für die ich noch 6500 Euro Einkommenssteuer abgeführt habe.

So einfach ist das mit der Transparenz. Ich kann Ihnen versichern: Es tut gar nicht weh.

Verdiene ich zu viel? Verdiene ich zu wenig? Das kommt drauf an. Verglichen mit vielen Menschen, die sehr viel härter arbeiten als ich, ist es viel. Verglichen mit einigen Bekannten mit ähnlicher Ausbildung und gleich langer Berufserfahrung ist es eher wenig.

Wer mein Einkommen für unverhältnismäßig hoch hält, dem könnte ich erklären, dass ich keinen Vertrag habe, der mir Standesprivilegien oder regelmäßige Vorrückungen garantiert, sondern mich auf einem freien Markt verkaufen muss, auf dem jeder und jede andere jederzeit dieselbe Leistung anbieten kann. Wer mitleidig auf mich herabschaut, dem würde ich meinen selbstbestimmten Alltag schildern; meine Freiheit, mich mit allem zu beschäftigen, wonach mir gerade der Sinn steht; und mein ziemlich stressfreies Leben.

Beides ist nachvollziehbar. Bloß eines nicht: Warum ich um Geld ein riesiges Geheimnis machen sollte.

Gewiss: Privatsphäre ist wichtig, und Diskretion eine große Tugend. Unsere Essgewohnheiten, Fernsehvorlieben und sexuellen Eigenheiten gehen niemanden etwas an, und wir tun gut daran, Details über unsere eitrigen Ausschläge und Cholesterinwerte für uns zu behalten.

Löhne, Gehälter und Einkommen sind jedoch nicht „privat“. Mit unserer Arbeitskraft bewegen wir uns auf einem Markt, und jeder Markt lebt davon, dass alle Teilnehmer ungefähr wissen, was wieviel wert ist. Das gilt für den Arbeitsmarkt ebenso wie für den Immobilien- oder den Aktienmarkt. Wenn ich die klassischen Markttheoretiker richtig im Kopf habe, funktioniert Markt umso besser, je gleichmäßiger alle relevanten Informationen auf alle Akteure verteilt sind.

Wir tun jedoch beharrlich das Gegenteil. Hegen das Geheimnis und fördern sogar die dreiste Lüge. Verschleiern mit großem rechnerischem Aufwand unsere Jahreseinkünfte, indem wir sie auf inexistente 14 Monate aufteilen (im Journalismus gar auf 15) und unterschiedlich besteuern. Denken uns Gehaltsbestandteile aus, die auf keinem Lohnzettel aufscheinen. Und bestrafen neuerdings sogar Angestellte, die sich über Gehaltsdiskrepanzen beschweren, mit einer Geldstrafe von 360 Euro.

Warum denn bloß?

„Wegen der Neidgesellschaft“, sagen Menschen wie Karlheinz Grasser dann. „Neid“ ist ein niedriger Instinkt, und der Vorwurf unterstellt, dass ein Neider bloß von destruktiver Missgunst geleitet wird. Doch das trifft den Sachverhalt nicht. Wenn ein Karlheinz Grasser drei Millionen Euro damit verdient, Anleger um ihr Geld zu bringen, und ein Walter Meischberger sich an eine Leistung, die ihm 700.000 Euro eingebringt, gar nicht erinnern kann – dann sind wir ihnen solche Einkommen keineswegs neidig. Nein, wir halten sie bloß für sachlich nicht gerechtfertigt.

Gehaltstransparenz schafft nicht Neid, sondern Berechenbarkeit. Gehaltstransparenz spornt an, mehr zu leisten, um mehr zu verdienen. Wer auf die Frage „Was war mei Leistung?“ eine Antwort hat, muss sich davor nicht fürchten.

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