Sind Frauen zu feig für die Karriere? Oder lässt man sie nicht? Beides. Damit sich das ändert, brauchen wir eine neue Arbeitskultur. Ein Plädoyer zum Frauentag.

Sibylle Hamann

Es ist ein Ritual wie Weihnachten oder wie der erste Mai. Pünktlich zum 8. März werden jedes Jahr die Statistiken herausgeholt: 25,5 Prozent Gehaltsschere zwischen Männern und Frauen, 4,4% Frauen in Unternehmensvorständen, analog dazu 4,6% Männer unter jenen Menschen, die Kindergeld beziehen. Vertraut klingt das, heimelig, wie das jährliche „O Tannenbaum“.

Doch heuer ist es ein bisschen anders. Die Quote, die jahrelang nur in feministischen Diskurszirkeln oder im rästelhalfen Skandinavien lebte, wie ein gefährliches, fremdes Tier, ist plötzlich in den österreichischen Mainstream durchgebrochen. Die ÖVP-Frauen, die Industriellenvereinigung, der Wirtschaftsminister, die SPÖ, die Grünen sowieso – alle halten sie plötzlich nicht nur für möglich, sondern sogar für sinnvoll (siehe Seite xx). Was ist da passiert?

Womöglich ist in Österreich gerade der Punkt erreicht, an dem das Soll -Sein und das So-Sein so sehr auseinanderklaffen, dass es in den Augen schmerzt. Die heute 40- bis 50jährigen Frauen sind jene Generation, die während des gesellschaftspolitischen Aufbruchs der Siebziger Jahre aufgewachsen und in voller Länge von Bildungsreformen und freiem Hochschulzugang profitiert haben. Wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre, müssten sie heute in annähernd gleicher Zahl dort sitzen, wo die gleichaltrigen Männer sitzen: in den Aufsichtsräten, den Unternehmenvorständen und an allen anderen Schaltstellen der Macht.

Doch das tun sie nicht. Einzelkämpferinnen ausgenommen, sitzen sie auf schlecht bezahlten Teilzeitstellen am Rand des Arbeitsmarkts, weit unter ihrer Qualifikation, und verdienen dort Löhne, die keine Familie erhalten können.

Sowohl aus volkswirtschaftslicher als auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist das eine unglaubliche Verschwendung von Wissen, Ressourcen und Potential. Die umso schärfer zutage tritt, seit sich Unternehmen der globalen Konkurrenz aussetzen – und zu ihrer Verstörung bemerken, dass in anderen Ländern Frauen längst schon viel präsenter sind.

Warum ist das so?

Bascha Mika, langjährige Chefredakteurin der linksalternativen „taz“ in Berlin, hat in ihrem neuen Buch mit dem sicheren Gespür für den Aufreger eine Antwort gefunden: Die Frauen sind schuld.

Weil sie feige sind. Weil sie zwar behaupten, emanzipiert zu sein, aber dann nicht danach handeln, sondern sich lieber in die „Komfortzone“ zurückziehen, in Reihenhaus, Yogakurs und Teilzeitjob. Statt um den Abteilungsleiterposten zu kämpfen, kriegen sie lieber Kinder, schicken ihren Partner in die ungemütliche Arbeitswelt hinaus, dekorieren derweil das Wohnzimmer und jammern ihm abends was vor.

„Freiwillige Unterwerfung“, nennt Mika das, „Bequemlichkeit“, „Selbstbetrug“. Draußen warte „unbekanntes, freies Terrain, wo uns die kalten Winde um die Ohren pfeifen. Das ist nicht nur lustig, wie wir ahnen. Da bleiben wir doch lieber in Deckung.“

Formal betrachtet, folgt diese Anklage den Regeln eines beliebten Gesellschaftsspiels, das so alt ist wie die Frauenbewegung: Frauen ziehen über andere Frauen her, behaupten, deren Art zu leben sei die falsche, und geben ihnen die Schuld daran, dass bei der Gleichberechtigung nichts weitergeht.

Inhaltlich betrachtet, kann man zu Mikas Thesen sagen: Erstens hat sie Recht. Zweitens hat sie Unrecht.

Erstens kennen wir sie ja alle, die Situationen, die Mika beschreibt: Die Frau, die ihrem Mann immer still die Socken wegräumt, weil Sockenwegräumen weniger mühsam ist als streiten. Das berufstätige Paar, das dorthinzieht, wo er ein Jobangebot hat; für sie wird sich dort schon irgendwas finden. Die Frau, die eine Führungsposition ablehnt, weil sie fürchtet, ihr Mann könnte nicht damit klarkommen, dass sie mehr verdient als er.

Wir kennen auch die vielen Geschichten, die mit einem Baby beginnen und einem Familienmodell enden, das alle längst für überholt hielten: Sie bleibt – selbstverständlich – erstmal zuhause und wartet ab. Er arbeitet – selbstverständlich – weiter bisher, sogar noch mehr, denn er ist ja jetzt Alleinverdiener, und macht dabei zufällig Karriere. Sie kämpft sich derweil in eine geringfügige Beschäftigung zurück, ohne allzugroßen Ehrgeiz, denn für den Restkram des Lebens bleibt sie – selbstverständlich – nebenher zuständig.

Irgendwann ist die schiefe Ebene in der Beziehung einzementiert. Wenn die (hochqualifizierte) Frau mit anderen (hochqualifizierten) Frauen über Schulen und Babysitter redet, klingt es, als seien sie allesamt alleinerziehend. Sie ist ökonomisch abhängig wie einst ihre Oma, er sieht die Kinder nur am Wochenende wach, und beiderseits wächst der Frust.

Da möchte man, wie Mika es tut, Frauen tatsächlich manchmal an den Schultern packen und rütteln: Bist du etwa zwangsverheiratet worden? Wer hat euch dieses Arrangement denn diktiert? Gibt es ein Gesetz, das Männern Hausarbeit verbietet? Warum hast du dich nicht auf die Hinterbeine gestellt, den Konflikt gesucht, Bedingungen formuliert, an deine eigene Zukunft gedacht, statt dich ins naheliegendste Rollenklischee zu fügen?

„Wir leiden am Kümmersyndrom“, schreibt Mika, und vermutet: „Wofür benutzen wir das Kinderkriegen – vielleicht auch, um uns vor anderen Lebensaufgaben zu drücken?“

Diese Unterstellung tut natürlich weh. Und ist ungerecht. Denn nüchtern betrachtet, kann man den gedämpften beruflichen Ehrgeiz von Frauen auch schlicht als kühles Kosten-Nutzen-Kalkül interpretieren.

Männer haben, wenn sie Aufstiegsambition zeigen, viel zu gewinnen: Prestige, Attraktivität, Sex-Appeal. Können in der Chefetage mit ihresgleichen herumhängen, wo man einander gern bestätigend auf die Schulter klopft, kriegen einen schönen Dienstwagen und VIP-Karten fürs Fußballstadion. Kein Chef käme auf die Idee, für den Chefposten auf Fortpflanzung verzichten zu müssen. Fast immer findet sich eine Frau, die ihm dafür den Rücken freihält.

Die Chefin hingegen kann mit dieser Option kaum jemals rechnen. Ebensowenig mit automatischem Attraktivitätszuwachs und einer solidarische Clique von Geschlechtsgenossinnen im Vorstand. Sie muss sich, im Gegenteil, drauf einstellen, permanent auf dem Prüfstand zu stehen und beweisen zu müssen, ob sie nicht etwa „nur eine Quotenfrau“ ist. Nicht einmal finanziell zahlt sich der Aufstieg für sie in gleichem Umfang aus: Auch in Spitzenjobs klafft zwischen Männern und Frauen eine Gehaltsschere von 17 Prozent.

Abteilungsleiterin wäre im Prinzip schon gut, sagen da viele Frauen. Aber nicht unter diesen Umständen. Nicht um jeden Preis.

Das führt uns zum Kern des Problems: Dass wir in Österreich eine Arbeitskultur haben, die behauptet, man könne nur etwas werden, wenn man permanent verfügbar, grenzenlos flexibel und zu 60-Stunden-Wochen bereit ist. Was, quasi automatisch, viele Frauen von vornherein abschreckt und das Reservoir potentieller Führungskräfte auf eine relativ kleine, homogene Gruppe von Menschen beschränkt: Solche, die außerhalb der Lohnarbeit keinerlei andere Verpflichtungen haben.

Das müsse so sein, heißt es. Doch das ist bloß eine Behauptung, denn anderswo ist es anders. Die Netto-Arbeitszeiten für Vollzeitkräfte in Österreich gehören zu den längsten in Europa, gleichzeitig gibt es mehr geringfügig Beschäftigte als irgendwo sonst. Hier die permanent eingespannten „Leistungsträger“, dort die „Zuverdienerinnen“ ohne Aufstiegsoption: In Österreich fällt der Arbeitsmarkt drastischer in diese zwei Segmente auseinander als irgendwo sonst.

Ressourcentechnisch gesehen, ist genau das jedoch ein fataler Fehler. Denn sind tatsächlich jene Menschen, die bereit sind, am längsten im Büro zu sitzen, genau jene, die am Ende die besten Entscheidungen treffen? Sind jene, die außerhalb ihres Jobs kaum etwas erlebt haben, am Ende die geeignetsten Führungsfiguren?

Wer die Performance von Aufsichtsräten und Vorständen während der jüngsten Wirstschaftskrise beobachtet hat, kann da ins Zweifeln kommen. Und zieht eher den gegenteiligen Schluss: Dass die Vielfalt von Erfahrungen, auch außerhalb des Bürogebäudes, den strategischen Blick schärft, die soziale Kompetenz steigert und Entscheidungsträger wahrscheinlich mutiger, weitblickender, kreativer macht.

Womit wir an jenem Punkt angekommen wären, an dem die Quote ihren brachialen Ruf abstreift und ihren ganzen Charme zeigt. Die Quote nämlich zwingt Unternehmen dazu, gezielt Frauen für Führungsjobs zu suchen. Wenn sie unter den gegebenen Umständen nicht genügend Frauen finden, reicht es nicht, gleichgültig die Achseln zu zucken – dann müssen sie die Umstände verändern, um doch noch fündig zu werden.

Was am Ende nicht nur Frauen zugute kommen wird, sondern allen, die keine stromlinienförmigen Karrieristen sind.

Die Frage „Wer ist schuld daran, wie es ist?“ könnte man an diesem Punkt am besten überhaupt beiseitelegen. Und sie durch eine andere, produktivere Frage erstzen: Wie schaut die Gleichberechtigung aus, die wir erreichen wollen, und wie müssen wir die Spielregeln der Arbeitswelt konkret verändern, um dorthin zu kommen?

Das Rad muss man dafür nicht neu erfinden, ein paar Anregungen aus Skandinavien würden schon reichen. Erstens wäre das: Transparenz bei Löhnen und Gehältern. Dass Frauen schlechter verhandeln, mag stimmen – und liegt in mehreren Jahrhunderten Unterordnung begründet, die sich nicht über Nacht abstreifen lassen. Aber statt ihnen zuzurufen, sie seien zu wenig selbstbewusst, wäre es hilfreicher, ihnen handfeste Informationen zu geben, an denen sie ihr Selbstbewusstsein orientieren können.

Von Skandinavien könnte man auch lernen, wie man die „Vereinbarkeitsfrage“ so formuliert, dass sie Männer und Frauen stets beide angeht. Auszeiten und Teilzeitarrangements müssen in den Berufsbiographien von Männern und Frauen gleichermaßen selbstverständlich werden – speziell bei qualifizierten Jobs und in leitenden Funktionen, ohne dass man aus der Spur gekickt wird.

Warum geht der öffentliche Dienst da nicht längst mit gutem Beispiel voran? Mit jedem Mann, der offensiv zu einer Karenz ermutigt wird, wird anderswo bei einer Frau Energie frei, die sie in beruflichen Aufstieg umwandeln kann. Und wieder sind zwei Role Models mehr unterwegs, die zeigen, dass es eh auch anders geht.

Der Nutzen liegt auf der Hand. Den arbeitenden Menschen bringt es mehr Abwechslung und mehr Sinn. Den privaten Beziehungen bringt es mehr Gleichgewicht und weniger Abhängigkeit. Den Unternehmen und der Volkswirtschaft insgesamt bringt es: Die bessere Nutzung ihrer Bildungs- und Qualifikationsressourcen, mehr Vielfalt, mehr Erfahrungen auf allen Hierarchieebenen. Die am Ende zu besseren Entscheidungen führen.

Diese Neuverteilung von Arbeit, Zeit und Verantwortung ist ein wesentlich umfassenderes Vorhaben als der jährlich wiederkehrende Appell, Frauen mögen sich doch endlich zusammenreißen und mehr Ehrgeiz zeigen.

Es ist die noch viel größere „Mutprobe“ als jene, die Bascha Mika fordert – weil es nicht nur von Frauen, sondern auch von deren männlichen Partnern, Arbeitskollegen und Chefs verlangt, sich auf Neues einzulassen.

Ob sie dafür wohl zu feige sind?

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