Der GAU von Fukushima zeigt: Wer immer mehr billige Energie will, entscheidet sich bewusst für das Risiko. Da sind die Japaner nicht anders als wir alle.

Sibylle Hamann

Als damals Tschernobyl in die Luft ging, war alles einfacher. Denn wir fanden Gründe, um wütend zu sein. Wir konnten Ursachen und Schuldige benennen: Die veraltete Technologie des Reaktors. Fehler des technischen Personals. Die mangelnde Transparenz des sowjetischen Systems. Die Abwesenheit einer kritischen Öffentlichkeit. Die zynische Verantwortungslosigkeit einer totalitären Obrigkeit gegenüber ihren Untertanen. Den Kommunismus im allgemeinen.

1986 konnten wir uns noch betrogen fühlen, und die ukrainischen Bürger ebenso. Weder wir noch sie hatten Einfluss auf die sowjetische Energiepolitik. Wir konnten nicht genau sagen, mit welchem Risiko wir lebten, weil man uns alle Informationen darüber vorenthielt. Wir konnten keinen Einfluss auf die Entscheidung nehmen, ob wir bereit waren, dieses Risiko in Kauf zu nehmen. 1986 konnten wir sagen: Wir können nichts dafür.

2011 gelingt uns das nicht mehr so richtig, weder den Japanern noch dem Rest der Welt, und wer den Japanern in diesen schweren Tagen bei der Krisenbewältigung zuschaut, spürt sofort, warum.

Wütend scheinen die Japaner nicht zu sein. Auch Anklagen hört man kaum. Ja, selbstverständlich kann man ein paar individuelle Fehler benennen: Die Betreiberfirma des Kraftwerks hat die Öffentlichkeit in der Vergangenheit schon mehrmals getäuscht. Die Regierung hätte schneller, präziser, umfassender informieren können. Die IAEO könnte etwas tun, um ihre Existenz zu rechtfertigen. Dennoch gelingt es nicht wirklich, der Obrigkeit oder anderen weltlichen Institutionen die Schuld zuzuschieben.

Denn im Prinzip wissen die Japaner ja eh alles. Seit Hiroshima und Nagasaki hat sich ins kollektve Gedächtnis eingebrannt, was Kernenergie anrichten kann. Dass ihr Land in einer erdbebengefährdeten Zone liegt, ist keine Überraschung.

Die Japaner leben, ebenso wie wir, in einer Informationsgesellschaft. Da lernt man, dass die Wissenschaft Computersimulationen über potentielle Störfälle entwerfen, aber nicht jeden möglichen Störfall antizipieren kann. Die Japaner leben, ebenso wie wir, in einer Demokratie. Da lernt man, dass Unternehmen stets genau so viele Sicherungen in ihre Kraftwerke einbauen, wie der demokratisch gewählte Gesetzgeber ihnen minimal vorschreibt.

Die Japaner wissen, ebenso wie wir, ziemlich genau über das Risiko Bescheid, das wir mit unserem Lebensstil eingehen. Wir wollen billige Energie, je mehr und je billiger, desto besser. Wir wollen Auto fahren. Wir wollen um die Welt fliegen. Wir wollen immer mehr elektrische Geräte und sonstiges Zeug. Aber wir wehren uns mit Händen und Füßen dagegen, dass Umweltschäden, Unfallrisiken und andere Folgekosten dabei eingepreist werden. Denn dann würde alles viel teurer, und genau das wollen wir nicht.

Man kann sagen: Wir haben uns bewusst fürs Hasardieren entschieden, um unser Konsumverhalten nicht ändern zu müssen.

Und geschieht dann etwas wie die Explosion der Ölplattform im Golf von Mexiko oder der Reaktorunfall von Fukushima, starren wir gebannt hin, wie in Zeitlupe, und denken: Jetzt ist wieder einmal passiert, was immer wieder passieren muss. Aber, Gottseidank: weit weg. I bins ned.

„Die Zukunft des Landes hängt davon ab, wie sich der einzelne Mensch entscheidet“, sagt Japans Regierungschef Naoto Kan. Das ist richtig. Das Erdbeben hat sein Land um zweieinhalb Meter verschoben.

Aber um unser aller Gewohnheiten zu verschieben, müsste es wahrscheinlich noch stärker sein.

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