Aber wer sind die Menschen, die ihr Leben riskieren, um übers Meer nach Europa überzusetzen? Das Wort „Flüchtling“ reicht nicht, um sie in ihrer Verschiedenheit zu fassen

Sibylle Hamann

Die einen sind Männer aus dem Maghreb, zwischen 15 und 30 Jahre alt, viele gut ausgebildet, mit besseren Sprachenkenntnissen als der durchschnittliche Italiener. Sie sind ins Boot gestiegen, weil es dort, wo sie herkommen, keine Arbeit gibt (oder weil im Tourismus, wo sie gearbeitet haben, revolutionsbedingt die Urlauber ausbleiben). Sie wollen nur eines: sich anstrengen, Geld verdienen, egal wie, damit die alten Eltern daheim, die Geschwister, Ehefrauen und Kinder essen können.

Bisher hatte die EU für Menschen wie sie durchaus Verwendung. Zu zehntausenden arbeiten sie zu Hungerlöhnen in den Obst- und Gemüseplantagen Italiens und Spaniens und sorgen dafür, dass die Zucchini und die ersten Erdbeeren in unseren Geschäften so billig sind.

Diese Menschen werden nicht politisch verfolgt. Ihnen muss Europa kein Asyl gewähren (sie suchen darum auch gar nicht an). Sehr wohl jedoch könnte man ihnen, statt sie illegal auszubeuten, legale Beschäftigung zu halbwegs menschenwürdigen Konditionen bieten – was die Erbeeren im Supermarkt eventuell um ein oder zwei Cent verteuern würde.

Mit der zweiten Gruppe von Menschen, die derzeit in Malta und Lampedusa an Land gehen, ist es anders. Sie stammen aus Ländern südlich der Sahara und lebten die letzten Jahre in Libyen. Die einen als Gastarbeiter auf den Baustellen, in den Häfen, Ölraffinierien. Andere waren nur auf der Durchreise. Sie kamen aus Bürgerkriegsländern wie Sierra Leone, Liberia oder Somalia, hatten eine wochen- oder monatelange Wanderung durch die Sahara hinter sich, zu Fuß, auf LKWs, und wollten weiter zur Küste, nach Europa.

Doch in Libyen saßen sie in der Falle, denn der libysche Diktator hatte entdeckt, wie gut sie sich als Waffe eigneten, als Erpressungsmittel. Geld her, oder ich schick‘ euch die Afrikaner! drohte er. Sonst wird euer schönes, weißes, christliches Europa schwarz! Und das schöne, weiße, christliche Europa spurte. Zahlte. Hofierte Gaddafi. Freute sich, dass die Boote mit ausgemergelten, halb verdursteten Afrikanern plötzlich ausblieben. Und fragte nie, nie nach, wie er das denn eigentlich machte, der Gaddafi.

Wie er es machte? Das wissen wir inzwischen. Erst wurden die Flüchtlinge von Soldaten, Zöllnern und anderen Handlangern des Regimes ausgeraubt. Wer nicht mehr zahlen konnte, wirde misshandelt und zur Sklavenarbeit gezwungen. Wer nicht mehr arbeiten konnte, wurde bisweilen in die Wüste gebracht und dort ohne Wasser ausgesetzt, manchmal mit absichtlich gebrochenen Beinen. Andere wurden in Lagern interniert.

Seit in Libyen der Aufstand losbrach, lässt Gaddafi die Afrikaner einsammeln und zu Raffinerien, Fabriken und Militäreinrichtungen karren, als menschliche Schutzschilder gegen die Bombardements. In den Gebieten der Aufständischen scheucht man sie aus ihren Kellerverstecken und macht Jagd auf sie, weil man Menschen schwarzer Hautfarbe allesamt für ausländische Söldner hält (ein Gerücht, das wahrscheinlich mit Absicht verbreitet wird, um Misstrauen und Verwirrung zu schüren). In beiden Fällen fürchten sie um ihr nacktes Leben, und haben keinen Ort, an dem sie auch nur eine Minute lang sicher sind.

Das Wort „Flüchtling“ kann vieles heißen. Man kann diese Menschen abwehren und wegschicken, man kann ihre Geschichten ignorieren und verdrängen. Verschwinden werden sie davon nicht.

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