Die Muttersprache gehört zum Menschen. Sie gehört gelernt, gelehrt, geachtet und hergezeigt. Ob slowenisch, ob deutsch, ob türkisch oder kurdisch.

Sibylle Hamann

Die Muttersprache ist nicht irgendeine Sprache. Es ist die Sprache, in der Mama oder Papa einen beruhigten, wenn man schrie. In der Muttersprache neckten die Geschwister und tröstete die Oma. In ihr lernte man die ersten Abzählreime, die ersten Lieder, die ersten Kosenamen, die ersten Schimpfwörter. In die Muttersprache verfällt man, wenn man erschrickt. Wenn man die Fassung verliert. Wenn man sich fürchtet. Wenn man flucht. Wenn man träumt. Wahrscheinlich auch: kurz bevor man stirbt.

In der Muttersprache versteht man nicht nur, was ein Wort bedeutet – man spürt auch alle hundert Bedeutungen, die mitschwingen. Man kann mit Begriffen spielen, sie verdrehen, zerlegen und neu zusammensetzen. In der Muttersprache kann man besser Witze machen, beleidigen und verletzen als in irgendeiner anderen. So viele Sprachen man noch lernen mag im späteren Leben: Die Muttersprache wird stets tiefer drinstecken als alle.

Sie formt die Sprachmelodie, die Gedanken, die Beziehungen, die Erinnerungen, die Wahrnehmung, vielleicht sogar den Charakter. Sie gehört untrennbar zur Person dazu.

Diese emotionale Dimension von Sprache ist wichtig. Sie spielt in der Kärntner Ortstafelfrage ebenso eine Rolle, wie wenn Türkisch als mögliches Maturafach diskutiert wird. Hier wie dort geht es um Wertschätzung.

Als Kärntner Slowene an einer zweisprachigen Ortstafel vorbeizugehen, bedeutet: Der Staat erweist mir und meiner Muttersprache Respekt. Er bekräftigt, für alle sichtbar, dass wir hierhergehören – samt aller generationenübergreifenden Erfahrungen und Erinnerungen.

Was jedoch bedeutete es, im Wiener Wahlkampf an dem Spruch „Reden wir über Bildung. Am besten auf deutsch“ vorbeizugehen? Dass man in anderen Sprachen tatsächlich schlechter über Bildung reden kann? Das wäre Unsinn. Die ÖVP meinte wohl: Dass seine nichtdeutsche Muttersprache ablegen muss, wer sich bilden will. Doch auch das ist Unsinn. Und man muss kein Kärntner Slowene sein, um diese Behauptung als unterträglich arrogant zu empfinden.

Gerade die Erfolgsgeschichte der zweisprachigen Kärntner Schulen zeigt nämlich, dass es genau umgekehrt ist: Wer seine Muttersprache mit öffentlicher Ermutigung pflegen und perfektionieren kann, gewinnt sogar einen Bildungsvorsprung.

Was die autochtonen Minderheiten Österreichs betrifft, ist diese Erkenntnis einige Jahrzehnte alt. Was die zugewanderten Minderheiten betrifft, stehen wir erst ganz am Anfang. Immer noch bekommen zugewanderte Eltern gesagt, ihre Muttersprache sei irgendwie pfui und schädlich fürs Kind – und wenn diese Eltern keine Wissenschaftler, sondern Hilfsarbeiter sind, glauben sie das womöglich sogar. Kurden oder Roma bekommen diese Botschaft gleich doppelt. Denn dasselbe haben ihnen die Behörden in der Türkei oder in Osteuropa eingebläut. Wer jemals mitangehört hat, wie eine Mutter hilflos versucht, mit ihren Kindern auf Deutsch zu radebrechen, weil sie meint, ihnen damit etwas Gutes zu tun, begreift erst, welch verheerende Schäden dieser Irrglaube anrichtet.

Nein, für seine Muttersprache darf sich niemand genieren müssen. Sie ist kein abgewetztes Kinderkleid, das man tief hinten im Kasten verräumen und nur zu Hochzeiten und Begräbnissen verschämt hervorkramen soll. Sie gehört gelernt, gelehrt, dokumentiert und weiterentwickelt, im Kindergarten, im Gymnasium, auf der Universität. Erst dann ist ein Mensch komplett.

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