Die Märchenprinzessin hat keine Biographie, kein Leben, keinen Text und keine Wahl. Eine schreckliche Rolle. Die allein zu dem Zweck erfunden wurde, Mädchen zu disziplinieren.

Sibylle Hamann

Darf man nicht ab und zu ein bisschen herumspinnen? Vom schönsten Moment eines Märchenprinzessinnenlebens träumen, der Märchenprinzessinnenhochzeit? Vom weißem Rüschenkleid, dem Schleier und den Blumenkindern, von den Jubelfanfaren, die von den Zinnen des Schlosses herunterschallen, und vom kühnen Prinzen auf dem Pferd? Tränen verdrücken, seufzen, schmachten, ist doch alles bloß ein harmloses Spiel, oder?

Nein, ist es nicht. Die Märchenprinzessinnenhochzeit ist ein fixer Bestandteil unseres kollektiven Mythenfundus. Doch harmlos ist dieses Narrativ keineswegs. Es ist ein zynisches Disziplinierungs- und Unterwerfungsinstrument, in dem hunderte Jahre frauenfeindlicher Ideologie stecken. Analysieren wir, warum.

Zunächst: Die Prinzessin im Märchen ist oft gar keine Prinzessin. Sie ist ein armes Mädel in Lumpen, ein Waisenkind, namenlos, versteckt im Wald, verstoßen, Opfer einer Verwechslung oder sonstwie unklarer Herkunft. Soll heißen: Sie ist ein Niemand. Zum Jemand wird sie erst, indem der Prinz sie erwählt. Was jedes Mädchen seine erste wichtige Lektion lehrt: Ohne Mann existierst du gar nicht. Erst die Verehelichung schenkt dir deine Identität, deinen Status, deine Heimat, die allesamt von deines Mannes Identität, Status, Heimat abgeleitet sind. Der Prinz macht das Mädel zur Prinzessin – so wie, jahrzehntelang, der Herr Hofrat seine Gerti zur Frau Hofrat machte.

Zweite Lektion: Dein Schicksal liegt nicht in deiner Hand. Ob dich ein Prinz oder ein verklemmter Zwerg erwählt, kannst du dir nicht aussuchen (weil du – siehe oben – gar nicht weißt, wer du eigentlich bist, könntest du zur Entscheidung, wer „richtig“ ist, ohnehin nichts beitragen). Zicken darfst du jedenfalls nicht, wenn einer was von dir will, nicht einmal, wenn er ein Frosch ist. Nein sagen wird dir als Hochmut ausgelegt und grausam bestraft. Dann bleibst du womöglich übrig, und was wäre schrecklicher, als ein Frauenleben als alte Jungfer zu beschließen?

Drittens: Am besten funktioniert der Auswahlprozess, wenn die Prinzessin zur Handlung überhaupt nichts beiträgt und gar keinen Text spricht. Idealerweise ist sie komatös oder scheintot, oder liegt in einem Dauerschlaf. Ihre Jungfräulichkeit schützt ein Marmorsarg oder eine Dornenhecke. Reglos, leblos, erfahrungslos, mit sanften, entspannten Gesichtszügen, in endlosem, friedlichem Schweigen gefangen… Merk dir, Mädchen: So gefällt man Prinzen am besten! So steigt dein Marktwert! So wirst du am ehesten geküsst!

Und konzentrier dich, viertens, sofort nach dem Kuss auf den Hochzeitstag, denn ohne den ist die ganze Geschichte nichts wert. Der wird und muss „der schönste Tag in deinem Leben“ sein – denn vorher war ja nichts Erwähnenswertes, und nachher, als stinknormale Ehefrau, wird ebenso wenig kommen. Nur am Hochzeitstag ist die Frau unberührt, aber fix vergeben; reif, herausgeputzt, aber noch unbeschädigt. Nie ist sie mehr wert als diesem Moment.

Schade bloß, dass dieser Moment defintionsgemäß nie länger als ein paar Stunden dauern kann, dann ist er vorbei. Der Hochzeitstag, Mädchen, ist also deine große, deine einzige Chance im Leben. Pack alles, was du an Sehnsüchten, Träumen, Wünschen haben mögest, in diesen einen Tag. Er muss perfekt sein, bis ins letzte Detail, denn alles, was du heute nicht kriegst, ist für immer dahin. Ein nächstes mal wird es nicht geben.

Na, wenn das keine Drohung ist?

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