Überall wird einem applaudiert, und ständig werden einem nur Dinge angeboten, die man mag. Es fühlt sich an wie im Schlaraffenland. Bis einem schlecht wird.

Sibylle Hamann

Wer online Bücher kauft, den umfängt von der ersten Sekunde an ein heimeliges Gefühl. Da werden ja lauter Bücher verkauft, die jenen, die schon bei mir herumstehen, ähnlich sind! Dasselbe Thema, dieselbe Schlagseite, wenn das keine Anerkennung meines bisherigen Leseverhaltens ist! Es kann doch kein Zufall sein, dass jedes Jahr immer mehr Bücher erscheinen, die mein Weltbild bestätigen!

Ähnlich läuft das mittlerweile bei fast allen Online-Käufen. Sie haben drei Tage Kairo gebucht – schon macht Sie die Software zum Fan von Weekend-Trips in heiße Städte. Und wird mit ihren Angeboten nicht mehr aufhören, solange Sie nicht, von derselben Software vermittelt, nach Grönland zelten fahren. Musik detto. Wenn Sie xy mögen, mögen Sie sicher auch yz. „Wir stellen Ihnen Songs zusammen, die Ihnen sicher gefallen werden. Das Programm trifft die Auswahl auf Basis der Titel, die Sie bereits haben.“ Klar, auf welcher Basis denn sonst?

Die Online-Foren funktionieren längst nach diesem Prinzip: Man ist sich einig. Man applaudiert einander und putscht einander hoch. Je mehr einem applaudiert wird, desto wohler fühlt man sich. Und zu allen anderen sagt man: „Geh doch ins andere Forum.“

Im Nachrichtengeschäft sind wir auch bald soweit. Schlagzeilenportale lernen ihre Nutzer immer besser kennen und schmiegen sich deren Vorlieben an. Noch muss man die Interessensgebiete selber angeben, doch bald wird das nicht mehr notwendig sein. Was Sie anklicken, verrät eh, was Sie lesen wollen. Was Sie öfter anklicken, wird in Ihrem Portal ganz nach oben wandern, was Sie nicht interessiert, wird rausfallen.

Wenn Sie, nur zum Beispiel, regelmäßig alle Titel lesen, in denen das Wort „Straßenkriminalität“ vorkommt, wird Ihr Nachrichtenportal nach ein paar Wochen Algorhythmus so ausschauen, dass Sie sich nicht mehr auf die Straße trauen. Den einen wird nur noch über „Gewalt gegen Christen“ berichtet, den anderen nur noch über „Gewalt gegen Muslime“, je nach Gusto.

Facebook ist die freundlichere Version dieses Prinzips, aber grundsätzlich anders funktioniert es nicht. Alle Freunde, mit denen Sie nicht häufig genug kommunizieren (d.h mit „Daumen rauf“ applaudieren), entfernt die Software neuerdings aus Ihrem Blickfeld. Was grundsätzliche Fragen aufwirft: Hat Facebook schon von Freundschaften gehört, die ohne ständiges gegenseitiges Beklatschen auskommen? Von innigen Beziehungen, die nur davon leben, dass man einander dauerhaft, respektvoll, aber umso treuer aus den Augenwinkeln beäugt?

Da muss man halt die Einstellungen ändern, heißt es dann. Ja eh. Weiß aber nicht jeder. Hat einem keiner gesagt. Verstehen viele nicht. Ganz abgesehen davon, dass es offenbar gar keinen fixen Regeln gibt. „Wie häufig und auf welche Weise Nutzer mit einem Freund interagieren müssen, damit die Meldungen dieses Freundes stets angezeigt werden“, darüber konnte Facebook der „Stiftung Warentest“ keine Auskunft geben. Nur, dass man „sukzessive“ vorgehen werde.

Ein System, in dem die Regeln von oben diktiert werden, nannte man einst autoritär, und die Undurchschaubarkeit, wie Regeln zu Anwendung kommen, nannte man Willkür. 1848 gingen die Bürger (heute würde man sie „Freunde“ nennen) für die Vereins- und Versammlungsfreiheit auf die Straße. Um sie auseinanderzutreiben, brauchte die Obrigkeit Pferde, Gewehre und Bajonette.

Heute braucht man dafür bloß noch ein kleines Software-Update. Und niemand wird was merken.

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