Nein, es ist nicht „links“, wenn man Arbeit besser belohnt sehen will als das Glück der richtigen Herkunft. Noch ein paar Gedanken zum Thema Vermögenssteuer.

Sibylle Hamann

Von der Erbschafts- und Vermögenssteuer war vergangene Woche an dieser Stelle zu lesen. Davon, dass reiche Menschen ein ureigenes Interesse an Frieden, Berechenbarkeit und Stabilität in einer Gesellschaft haben, damit ihr Vermögen geschützt und bewahrt wird. Und dass sie deswegen dazu beitragen sollten, diese Stabilität zu finanzieren.

Das fanden viele Leserinnen und Leser gar nicht gar nicht gut. Sie nannten diese Idee „links“, „linkslinks“, „kommunistisch“ oder sonstwie „marxistisch“. Was wiederum mich überrascht. Denn was ist „linkslinks“ an der Forderung, dass sich Leistung lohnen sollte?

Nein, wir sprechen hier nicht davon, Menschen ihren bescheidenen Wohlstand wehzunehmen, das Eigenheim, das Auto, den Kamelhaarmantel und die Perlenkette im Schrank. Wir sprechen von „richtigen“ Vermögen, sagen wir: ab einer Million Euro aufwärts. Sind solche Vermögen, wie mehrere Leser meinen, stets das „Ergebnis harter Arbeit, die ohnehin schon mehrfach besteuert wurde“? Naja, kann man da nur antworten. Manchmal ja. Manchmal nein.

Selbstverständlich gibt es Menschen, die allein mit ihrem Talent, ihrer Kreativität und ihrem persönlichem Fleiß sehr reich werden. Das schafft vielleicht ein Unternehmer, der eine geniale Produktidee hat und damit in eine Marktlücke stößt. Eine superschlaue Ärztin, der das Skalpell mindestens so gut in der Hand liegt wie das Gespür für neue Geschäftsfelder. Ein Manager, der zur richtigen Zeit in der richtigen Branche ist. Oder eine Künstlerin, der über Nacht ein international gehypter Superstar wird.

Aber in einem Land wie Österreich, mit seinen räuberisch hohen Einkommenssteuersätzen, ist das die absolute Ausnahme. Da können sich der Unternehmer, die Ärztin, die Künstlerin und alle anderen hart arbeitenden Menschen noch so sehr anstrengen – Millionen werden kaum jemals übrigbleiben, wenn die Sozialversicherung erst einmal ihre Vorschreibungen geschickt hat. (Der Manager wiederum verdankt seine Million eher seinen Boni und Aktienoptionen).

Der realistischere Weg zu einem Vermögen führt in Österreich nicht über Leistung, sondern über den Zufall (wahlweise auch „göttliche Vorsehung“ oder „Schicksal“ genannt). Man hat zufällig die richtigen Vorfahren, die richtige Erbtante oder den richtigen Wahlonkel. Man kriegt etwas – 100% steuerfrei – überschrieben oder geschenkt. Dann wartet man einfach ab. Und mit ein bisschen Glück wird man ganz von selbst noch reicher.

Ein Aktienportfolio gewinnt an Wert, wenn sich der Börsenstandort gut entwickelt. Ein Acker wird in Bauland umgewidmet. Ein Immobilie wird teurer, wenn die Stadt, in der sie steht, schöner, sicherer, attraktiver wird. Individueller Fleiß ist für solche Arten Vermögenszuwachs nicht unbedingt notwendig. Umso mehr trägt das gesellschaftliche Umfeld dazu bei.

Wie aber ist es möglich, dass sich der Staat von diesen Zuwächsen kaum etwas zurückholen darf, während er von Arbeitseinkommen ungeniert die Hälfte abzwackt? Und wie ist möglich, dass das kaum jemand als idiotische, demotivierende Diskrepanz empfindet?

Der amerikanische Multimilliardär Warren Buffet wunderte sich, dass er von seinen Dividenden und Kapitalerträgen persönlich nur 19 Prozent Steuern zahlt, während seine Angestellten 33% ihrer Einkommen an den Staat abliefern müssen. „Wie kann das fair sein?“ fragte er.

Willkommen, Herr Milliardär, im Club der Linksradikalen!

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