Die Amerikaner haben Osama bin Ladens Tod nicht dokumentiert und seine Leiche sofort verschwinden lassen. Strategisch war das klug.

Sibylle Hamann

Che Guevara lag am 10. Oktober 1967 im Schulhaus von La Higuera im bolivianischen Dschungel. Sein Oberkörper war entblößt, die Hose hatte er noch an. Er lag auf etwas, das wie eine Bahre aussah, der Kopf war leicht erhöht auf eine zusammengeknüllte Jacke gebettet. Der Kopf schien unverletzt. Die Augen hatte der kubanische Revolutionär halb geöffnet, das Gesicht war umrahmt von wilden dunklen Locken und Bart.

Bei Nicolae und Elena Ceausescu sah man Blut. Nachmittags um drei, am 25. Dezember 1989, sickerte es unter ihren zwei Körpern heraus, an einer blassgelben Mauer in einem Bukarester Hinterhof. Einer der Exekutoren riss unsanft den Kopf des erschossenen Diktators hoch, um das Gesicht in die Kamera zu halten. Dann warf man zwei Militärdecken über die beiden, von Elena schaute noch ein bestrumpfter Fuß heraus.

Vom 30. Dezember 2006, dem letzten Tag von Saddam Hussein, blieb der Moment mit der Schlinge. Aufrecht, abgemagert, mit sauber gestutztem Bart stand der gestürzte irakische Diktator auf dem Schafott. Die schwarze Kapuze, die ihm die Henker anboten, verweigerte er, also wickelten sie ihm den Stoff stattdessen um den Hals, ehe sie den Hanfstrick drüberlegten. Er wehrte sich nicht.

Die Exekutoren wollten alle drei Ereignisse unbedingt dokumentieren, sie fotografierten und fimten. Erstens, weil sie stolz waren und sich selbst in die Geschichte einschreiben wollten. Zweitens, um jeden Zweifel an der Identität der Getöteten auszuschließen, und allen zu zeigen, dass diese tatsächlich tot waren. Drittens hegten sie wohl auch die Hoffnung, der Tod würde aus den großen, gefürchteten Heroen kleine, angsterfüllte Menschen machen, und ihnen jeden Funken transzendentaler Größe rauben. Je beiläufiger, je banaler, je mickriger deren finaler Moment im Gedächtnis bliebe, desto besser.

Doch in allen drei Fällen hat man gesehen, dass es gar nicht so einfach ist, die Bilder zu beherrschen. Auf den Videos über Nicolae und Elena Ceauscu ist zu hören, wie die beiden ihre Exekutoren noch unmittelbar vor ihrem Tod anherrschten, in einem zornigen, ungeduldigen Tonfall, als handle es sich bei ihren Mördern um dumme, ungezogene Schuljungen. Von Respekt, von Einsicht, von Angst gar – keine Spur. Sie blieben bis zuletzt die Chefs.

Über Saddam Husseins Hinrichtung gibt es zwei Videos. Das offizielle hat keine Tonspur und spart den Moment des Genickbruchs aus; denn die Behörden legten großen Wert darauf, die ganze Aktion als geordnet, nüchtern und zivilisiert darzustellen. Ein inoffizieller Handymitschnitt hingegen verrät alles, inklusive Ton: Hektik, Unsicherheit, Verwünschungen, Beleidigungen, Sprechchöre. Auf den Märkten von Bagdad wurde das hässliche Video ein Verkaufsschlager.

Mit Che Guevaras Leiche schließlich wollte sich jeder ablichten lassen. Wie die Großwildjäger stellten sie sich hin, die einen mit Gewehr, die anderen mit Sonnenbrille. Anschließend verscharrte man die Leiche an einem geheimen Ort, mit abgeschnittenen Händen, um eine Identifizierung zu verhindern. Es half alles nichts. Nicht die Sieger in Siegerpose brannten sich ins Gedächtnis ein, sondern einzig und allein der Tote. Wie er auf seiner Bahre lag, sah er nämlich aus wie Jesus – und ging als solcher in den ewigen Mythenschatz der Revolutionsromantik ein.

Das US-Sonderkommando hat Osama bin Ladens Leiche sofort verschwinden lassen. Ins Meer geworfen, „nach islamischem Ritus bestattet“, wie sie sagen. Sie wissen genau, warum.

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