Vermögenssteuern sind eine Art Versicherungsprämie. Weil jeder, der reich ist, ein Interesse daran hat, dass die verelendeten Massen nicht über seine Mauern springen.

Sibylle Hamann

Wenn Franz Küberl, Chef der Caritas, für die Wiedereinführung der Erbschaftssteuer und für die Besteuerung von Vermögenszuwächsen plädiert, wissen wir, was ihn antreibt: Die Sorge eines Christen um die Armen, das Streben nach Gerechtigkeit, und eine gewisse Geringschätzung irdischer Güter gegenüber den wirklich wichtigen Werten.

Wenn sozialistische Gewerkschafter dasselbe fordern, ahnen wir ebenfalls, was sie wollen: Die kleinen Lohnempfänger sind die klassische Klientel der SPÖ, „die Reichen“ eher nicht – egal ob deren Reichtum auf Leistung oder auf dem Zufall ihrer Herkunft beruht. Die SP-Funktionäre wollen die nächste Wahl gewinnen.

Man kann jedoch auch Gründe für Vermögenssteuern formulieren, die weder in christlicher noch in sozialistischer Moral begründet liegen, sondern in schlichter ökonomischer Logik. Das geht so:

Stellen Sie sich vor, Sie haben ein paar Millionen geerbt oder geschenkt bekommen. Immobilien, Wertpapiere, Bargeld. Das macht Ihr Leben einerseits frei von Geldsorgen. Andererseits halsen Sie sich damit viele neue Sorgen auf. Denn ein Vermögen muss man verteidigen – gegen Neider, Räuber, Revolutionäre und den Mob. Und je nachdem, wo Sie wohnen, müssen Sie für diese Verteidigung mehr oder weniger Ressourcen aufwenden.

Wen Sie mit Ihren Millionen zum Beispiel in Brasilien, Haiti oder Nigeria leben, brauchen Sie ein ziemlich großes Anwesen, um die Armen halbwegs auf Distanz zu halten, mit dicken Befestigungsanlagen rundherum, normale Alarmsysteme oder Stacheldraht werden da nicht ausreichen. Sie werden ganze Kohorten von bewaffnetem Wachpersonal beschäftigen müssen, und von der ständigen Unsicherheit begleitet sein, ob Sie all diesen Leuten tatsächlich trauen können.

Sobald Sie Ihr Anwesen verlassen, ist die Benützung eines Hubschraubers oder eines gepanzerten Fahrzeugs angebracht – denn als Superreicher sind Sie (und Ihre Kinder) ein bevorzugtes Ziel für Erpressungen und Entführungen. Aus demselben Grund werden Sie, wenn Ihnen danach ist, auch nicht einfach einen Strandspaziergang machen, in einem Lokal einen Kaffee trinken oder ins Kino gehen. Stattdessen werden Sie hinter Ihren Mauern Ihre eigenen Sportplätze und ein Heimkino bauen und Privatlehrer für Ihre Kinder engagieren. Kein Problem, Sie können es sich ja leisten. Dennoch: Es kostet. Nicht nur Geld, sondern auch Zeit, Nerven und Energie, und Sie bezahlen mit schmerzhaften Einschränkungen Ihrer Bewegungsfreiheit.

Dazu kommt die Angst. Was man hat, kann man schließlich jederzeit verlieren, und wenn ein Krieg oder eine Revolution ausbricht, besteht das Risiko, dass ziemlich viel Vermögen auf einen Schlag vernichtet wird. Es könnte einen wirtschaftlichen Zusammenbruch geben, und die hungernden, verelendeten Massen überrennen Ihre Befestigungsanlagen und rauben Sie aus. Einen politischen Umsturz, und die neuen Machthaber beschlagnahmen Ihre Villa als ihr neues Hauptquartier. Sie können per Handstreich enteignet, ausgebürgert oder eingesperrt werden. Und da wird kein Gericht und keine Polizei sein, bei der Sie sich beschweren können.

Wer das Glück hat, vermögend zu sein, profitiert davon, wenn rundherum kein Elend herrscht. Wenn es eine funktionierende Staatsgewalt gibt, Sicherheit, Sozialleistungen und eine öffentliche Infrastruktur. Das kostet. Man könnte einmal ausrechnen, wieviel es wert ist.

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