Die Causa Strauss-Kahn zeigt, wie sehr sich die Wahrnehmung von sexueller Gewalt verändert hat. Zum Besseren. Danke, Amerika!

Sibylle Hamann

Sie heißt also Nafissatou D. Ist 32 Jahre alt, Witwe, Muslimin, aus dem Dorf Tchiakoulle im Norden Guineas, hat eine 15jährige Tochter. Zuletzt verdiente sie als Zimmermädchen in New York City 16.000 Dollar im Jahr und lebte in der Bronx.

Frau Nafissatou D. hat es schwer im Moment. Sie muss sich verstecken, kann nicht in ihrer eigenen Wohnung wohnen und nicht zur Arbeit gehen. Dieses Problem teilt sie mit jenem Mann, den sie beschuldigt, sie attackiert und sexuell genötigt zu haben. Anders als bei ihm bedeutet das allerdings, dass sie kein Geld verdient und wahrscheinlich nicht weiß, wie sie ihre laufenden Rechnungen bezahlen soll.

Es ist gut, dass wir bisher sonst nichts über Nafissatou D. erfahren haben. Es ist gut, dass keine Bilder von ihr um die Welt gehen. Und insgesamt betrachtet muss man feststellen: Es ist erstaunlich, wie viel Respekt ihr entgegengebracht und wie viel Glaubwürdigkeit ihrer Aussage zugemessen wird.

Selbstverständlich ist das nämlich keineswegs. Oder, besser: Selbstverständlich war das vor ein paar Jahren noch nicht.

Wagen wir ein Gedankenexperiment, und stellen uns vor, die Causa Strauss-Kahn hätte sich vor zehn, fünfzehn Jahren zugetragen. Ältere Menschen werden die Sätze noch im Ohr haben, die Belästigungs-, Nötigungs- und Vergewaltigungsvorwürfe oft begleiteten: Sie soll nicht nicht so aufpudeln, das Mädel. Wird schon nicht so arg gewesen sein. Womöglich hats ihr selber gefallen. Ist doch kaum was passiert. Jungfrau wird sie ja keine mehr sein, hehe. Keine Penetration? Na, dann war doch eh nix! Männer sind halt so, dass sie manchmal nicht anders können. Nein sagen zählt nicht, nein sagen Frauen immer, das meinen sie nicht so. Und überhaupt: Schämt sich die denn nicht, wegen einer solchen Lappalie das ganze internationale Finanzsystem lahmzulegen? Schließlich lebt sie ja noch!

Letzteres wurde tatsächlich auch diesmal geäußert („Es ist ja keiner gestorben“, sagte der ehemalige französische Kulturminister Jacques Lang, einst ein Star der intellektuellen Linken). Aber mit solchen Sprüchen bleiben die Franzosen, global betrachtet, heute ziemlich allein.

Vor fünfzehn Jahren war die Rollenverteilung im transatlantischen Kulturkampf noch eindeutig: Auf der einen Seite die puritanischen Amerikaner, prüde, lustfeindlich und verklemmt. Mit seltsamen Regeln, als „politische Korrektheit“ verspottet, versuchten sie, den Menschen systematisch jede Spontaneität und Koketterie auszutreiben. Wie spießig schien das aus europäischer Sicht!

Auf der anderen Seite verkörperte Frankreich damals noch stolze Körperlichkeit. Die Lust an der Zweideutigkeit, an der Regelverletzung, der Grenzüberschreitung. Hier ein Tabubruch, dort eine Affäre, und überall die augenzwinkernde Übereinkunft, dass an Geheimnissen nicht gerührt wird, und dass man speziell den mächtigen Männern ihren Spaß nicht verderben darf. Wie sexy sah das aus!

Die Grenzüberschreitungen der Mächtigen hatten auch damals schon eine dunkle, brutale Kehrseite. Fast immer gingen sie auf Kosten von weniger Mächtigen, und meistens war der elitäre Spaß eher einseitig. Die Amerikaner haben das früher als andere begriffen. Inzwischen, so zeigt die Causa Strauss-Kahn, ist die Erkenntnis im europäischen Mainstream angekommen.

Das ist eine schöne Erkenntnis für alle, die an den zivilisatorischen Fortschritt glauben. Und wer weiß – vielleicht kommt sie irgendwann auch in Frankreich an.

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