Größenwahn, Selbstmitleid, billige Polemik, und Schmollen als politisches Prinzip: Irgendwie kommt uns das bekannt vor

Sibylle Hamann

Es gibt ein Land, das einmal sehr viel größer war als heute. Ein Vielvölkerstaat von weltpolitischer Bedeutung, das nicht nur militärisch und diplomatisch seine Interessen durchzusetzen verstand, sondern auch kulturelle Maßstäbe setzte. Doch irgendwann hielten die Regierenden mit den zeitgenössischen Entwicklungen nicht mehr Schritt. Das Zeitalter des Nationalismus brach an, die Völker begehrten auf, doch der Herrscher war unfähig, sein Reich rechtzeitig so zu verändern, dass es den Sprung in die Moderne schaffte. Ende des 19. Jahrhunderts lag es darnieder, bald darauf brach es zusammen. Auf seinem Boden entstanden viele neue Staaten.

Die alte Größe ist also vorbei, geblieben ist eine Art Phantomschmerz. Dieser zeigt sich darin, dass es den Bewohnern heute schwerfällt, den Stellenwert ihres Landes realistisch einzuschätzen. In Umfragen zeigen sie einen stark ausgeprägten Nationalstolz, der bei anderen Gelegenheiten rasch in Ohnmachtsphantasien kippt. Dann beklagt man kollektiv die eigene Bedeutungslosigkeit und fühlt sich von der Welt ungerecht behandelt.

Ein besonderes Charakteristikum dabei ist das Auseinanderklaffen von Ökonomie und Gefühl. Wirtschaftlich steht das Land gut da, seine Unternehmen sind exportorientiert, der Wohlstand beruht auf der engen internationalen Verflechtung. Emotional hingegen würde man am liebsten rund um das Land Mauern hochziehen und bliebe drinnen ganz für sich allein.

In der Politik dieses Landes lässt sich das Changieren zwischen Selbstüberschätzung und Selbstmitleid ebenfalls beobachten. Aus der historischen Bedeutung des Landes leiten die Regierenden eine Vermittlerrolle ab. Sie neigen dazu, andere Regierende zu belehren und sich als Vorbild hinzustellen. Um, wenn diese Belehrung nicht sofort gelingt, beleidigt zu sein und sich ins Schmollwinkerl zurückzuziehen. „Macht das halt ohne uns. Brauchen tun wir euch eh nicht. Ihr werdet schon schauen, wie weit ihr kommt, wenn ihr nicht auf uns hört. Aber irgendwann wird es euch leid tun“: Ungefähr so lässt sich der Reflex benennen, der Regierende und Untertanen eint.

Der Ton in der politischen Debatte ist polemisch, emotional, auftrumpfend. Niederlagen werden sofort persönlich genommen, und wenn sich eine Gelegenheit zum Revanchefoul ergibt, wird sie gern genutzt. Der billige Punkt, den man in der Öffentlichkeit machen kann, ist alles, was zählt – auch wenn man damit langfristig das Klima vergiftet und sachlich vernünftige Lösungen erschwert. Besonders einfach sind Punkte immer dann zu machen, wenn es gegen „das Ausland“ geht, gegen „Brüssel“ und gegen „die Arroganz der EU“. Von denen fühlt man sich prinzipiell missverstanden und ausgenützt. Jeder Politiker, der in solchen Momenten ordentlich auf den Tisch haut, weiß eine große Mehrheit des Volks hinter sich, egal, wo die Wähler politisch stehen.

Verstärkt wird dieser neurotische Tonfall durch die Zeitungen. Das Land hat nämlich eine Medienlandschaft, auf die es nicht sonderlich stolz sein kann. Wenige schrille Boulevardblätter dominieren die öffentliche Meinung, haben eine Neigung zu unsachlichem Kampagnenjournalismus, treiben die Politik vor sich her und strafen alle ab, die sich ihnen nicht unterordnen.

Folgerichtig gibt es in diesem Land auch keine verantwortungsvolle Außenpolitik, sondern bloß innenpolitisch motivierten Populismus mit zufälligen außenpolitischen Kollateralschäden.

Dieses Land ist die Türkei. Österreich ist es auch.

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