In Umwelt- und Energiefragen spielt Österreich gern den Oberlehrer. Hoffentlich jedoch macht die Welt uns nicht alles nach

Sibylle Hamann

Auf sein hübsches Kraftwerk in Zwentendorf kann Österreich stolz sein. Nicht nur auf die Telefone, Bildschirme, Aktenordner, Möbel und sonstigen Gerätschaften im originalen, seit damals unveränderten Siebzigerjahre-Design. Sondern auch auf die vorbildhaften, weltweit beispielgebenden Standards für die vom Kraftwerk ausgehenden Gesundheits- und Umweltgefahren. „Es geht um maximale Sicherheit für die österreichische Bevölkerung“, sagt der österreichische Lebensminister; null Betrieb ist gleich null Risiko ist gleich maximale Sicherheit. Man könnte also sagen: Besser als in Zwentendorf geht’s gar nicht – solange der Schlot nicht umfällt.

Doch der Umweltminister will noch mehr als maximal. Er will, dass die österreichische Energiepolitik, verkörpert durch Zwentendorf, ein Modell für die ganze Welt wird. „Österreich versteht sich als Schrittmacher“, sagt er. „Ich werde dafür sorgen, dass noch mehr Länder unserem Beispiel folgen.“

Nikolaus Berlakovich teilt offenbar das Selbstbild der allermeisten seiner Landsleute, die sich seit jeher als Öko-Musterschüler fühlen. Nicht erst, seit spanische Bio-Gurken unter dem Verdacht stehen, Durchfall und Tod zu bringen. „Wer nicht österreichische Gurken, sondern ausländischen Bio-Dreck kauft, ist selber schuld“, tönt es forsch aus den Online-Foren. Jede akute Umweltkrise liefert jedem, der drauf wartet, stets einen neuen Beweis: Wir haben es schon immer gewusst. Was ökologische Standards und ökologisches Bewusstsein betrifft, kann uns niemand auf der Welt das Wasser reichen. Wir zeigen allen, wie’s geht.

Ab und zu tut es jedoch auch dem selbstgefälligsten Menschen gut, in den Spiegel zu schauen. Vergleicht man Österreich mit anderen europäischen Ländern, stellt man fest: Wir sind Spitze in der biologischen Landwirtschaft. Im Kompostieren sind wir unangefochtene Weltmeister. Man kann wahrscheinlich sagen: Was Erde betrifft, kennen wir uns aus.

Aber sonst? Beim Recycling liegen wir im schlechten Mittelfeld, meilenweit abgeschlagen von den fleißig sammelnden Deutschen. Gegen die Tschechen und deren Atomkraftwerke demonstrieren wir mit Traktoren an der Grenze, importieren aber gleichzeitig deren Atomstrom. Was Photovoltaik und andere zukunftsträchtige Technologien betrifft, liegt Österreich beharrlich im Winterschlaf. Über moderne Mobilitätskonzepte jenseits des Autos wiederum könnten wir von den Schweizern viel lernen, wollen aber nicht. Lieber legen wir, bevor sich irgendjemand ans Zugfahren gewöhnen könnte, schnell noch ein paar Bahnstrecken still.

Wird sich eigentlich irgendjemand wundern, wenn das angebliche Öko-Musterland Österreich tatsächlich als einziges EU-Land die Kyoto-Ziele meilenweit verfehlt? Und regt es jemanden auf, wenn wir dafür eine Milliarde Euro an Pönalen werden zahlen müssen? Fast überall in Europa sinken die CO2-Emmissionen, nur bei uns steigen sie beharrlich. Während sich in der heimischen Geschichtsschreibung noch immer hartnäckig die Legende hält, Österreich hätte damals in Kyoto – tapfer, trotzig, aber vergeblich – für noch viel, viel strengere Klimaziele gekämpft. Bloß hätten uns die bösen ausländischen Öko-Ignoranten dran gehindert, der Welt mit gutem Beispiel voranzugehen.

„Wir zeigen alles wie’s geht“? Die österreichischen Biobauern dürfen das sagen. Doch hoffentlich kommt niemand auf die Idee, uns tatsächlich auch alles andere nachzumachen.

 

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